Im Dunkeln ist schlecht munkeln: Vor allem Kinder bilden die geplagten Untertanen in Vandalems "Kingdom".

Foto: Christophe Engels

In den unermesslichen Weiten der Taiga passiert herzlich wenig: Alle tausend Jahre reißt ein Komet einen Trichter in den sibirischen Permafrostboden. Bei anderer Gelegenheit campiert Wladimir Putin in Gesellschaft seines besten und intimsten Freundes, Russlands Verteidigungsminister, hinter einer Birke. Die Festwochen-Gäste des Wiener Jugendstiltheaters können jetzt einen Nachbau dieser Taiga bestaunen: Zwei Miniaturblockhütten werden von etwas Gebüsch flankiert. Rasch macht man im permanenten Halbdunkel, in dem das Stück Kingdom stattfindet, die seit Tschechow unvermeidliche Birke aus.

Die freudigste Überraschung hat die belgische Regisseurin und Projektentwicklerin Anne-Cécile Vandalem jedoch mit Sicherheit allen Hundefreunden in Wien, Omsk und anderswo bereitet. Nicht weniger als drei allerliebste Vierbeiner mischen sich unter die überwiegend kindlichen Darstellerinnen. Die in Lüttich beheimatete Gruppe "Das Fräulein (Kompanie)" hat ein Skript entwickelt, mit dem jeder Arthaus-Film Ehre einlegen würde: Eine weitverzweigte Aussteigersippe lebt im Wald, also hinterm Mond.

Sie verköstigt sich mit allem, was Fluss und Boden an Nahrung hergeben. Von den Nachbarn, die man scheel beäugt, trennt die vermeintlichen Paradiesbewohner ein Lattenzaun. Der mythische Stammvater hat sich einen ehrfruchtgebietenden Bart wachsen lassen. Er könnte jetzt ohne Mühe einen vielhundertseitigen Tolstoi-Roman schreiben oder aber in der Bob-Dylan-Begleitcombo The Band anheuern und I Shall Be Released singen.

Häusliche Tragödie

Weil Autorin Vandalem von Stück zu Stück die Erzählstrategie wechselt, wird diesmal das Setting eines Dokumentarfilms bemüht, angeblich auf den Spuren von Clément Cogitore. Ihr Repertoire umfasst laut dem Programmzettel "häusliche Tragödien, futuristische Geschichten und gesellschaftlich engagierte Fiktion".

Diesmal folgt eine Handkamera den Hinterwäldlern brav nach ins kuschelige Eigenheim. Uralte Familiengeheimnisse werden vor dem Schlafengehen und nach dem Aufstehen gewälzt und auf einen Schirm projiziert. Der Zuschauer fasst schon allein deshalb Zutrauen, weil die handelnden Personen – ein Großvater, ein Sohn zusamt Schwiegertochter, drei Enkelkinder plus Neffe und Nichte, beschirmt von den drei Hunden – russische Namen tragen, ansonsten aber ein äußerst wohllautendes, wallonisches Französisch sprechen.

Russische Atriden

Hingegen kann der frömmste Sektierer nicht im Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Opa murmelt allerlei Verhängnisvolles in seinen ehrfurchtgebietenden Bart. Er gedenkt der zurückliegenden Fröste und des frühen Todes seiner Frau. Im Wäldchen, wo die Kinder Knüttel sammeln, steht obendrein die Badewanne des Patriarchen: In ihr ist der Stammvater dieser russischen Atriden zweifellos der Kapitän. Doch allein seiner Hybris fällt das Glück der gesamten, ökologisch unbedenklichen Kolonie zum Opfer. Der Angriff erfolgt von außen, von unerwarteter Seite, er wird im Wege der Mauerschau zur Darstellung gebracht.

Wie es dazu kommt? Die Nachbarn werfen vergiftetes Fleisch über den Zaun und somit den Hunden zum Fraße vor. Der Grenzkonflikt wird, wie so vieles in dieser Produktion, mehr behauptet denn aufgezeigt oder gar ordnungsgemäß hergeleitet. Allmählich befällt selbst den gutwilligen Holzzaungast angesichts von viel Gemunkel etwas wie lähmende Schwere.

Schwieriges Leben

Der freundliche Applaus für alle Beteiligten galt vor allem den vierbeinigen Mitwirkenden. Insbesondere ein reizender Langhaarcollie zeigte, dass die Anpassung an die zweifellos schwierigen Lebensbedingungen in der Taiga auch eine Sache des guten Willens ist. Doch einer ganzen Theaterproduktion hätte es für diese Beweisführung vielleicht gar nicht bedurft. (Ronlad Pohl, 15.5.2023)