(...) Die Lehre in den neuen Studiengängen zielt ausschließlich auf eine Verwendung des Gelernten außerhalb der Universität. Sie soll Gebrauchswissen vermitteln. Die traditionelle Universität versteht sich dagegen als Ort der wissenschaftlichen Erkenntnis, die ihre Logik und Zwecksetzung in sich selbst hat. Die Ersetzung kritischer Erkenntnis durch Gebrauchswissen bedeutet aus der Sicht der traditionellen Universität die Ablösung der Selbst-durch Fremdbestimmung, auch eine geistige Verödung.

Parallel dazu laufen die Bemühungen, Exzellenz-Universitäten zu schaffen, in denen hoch qualifizierte Forscher hoch qualifizierte Studenten in die Exzellenz-Forschung einführen. Zwischen beidem wird die Mehrzahl der Universitäten provinzialisiert und damit vernichtet. (...)

Dies ist ein Parallelunternehmen zur Rechtschreibreform: ein Verwaltungsprodukt ohne Kenntnis des Eigensinns der Sprache und der Universitäten und ihres Wandels. In der Universität wird jetzt von oben erzeugt, was die Gesellschaft sichtlich praktiziert: Sie wird auseinander dividiert in Arme und Reiche, im Extrem: in die Masse der Armen und die Plutokraten. Der Bologna-Prozess ist die Verwaltung akademischer Armut, die Idee von Exzellenz-Universitäten dagegen der alte, auf John Locke zurückgehende Slogan: Die Reichen müssen reicher werden, damit auch die Armen reicher werden - woran niemand mehr glaubt.

(...) Die Institution der Erkenntnis mit dem überkommenen Namen der Universität, die wir trotz und mit der Invasion des Produktwissens retten wollen, schließt an die Erkenntnis-Wissenschaften an: Es gibt die sich selbst erneuernde Wissenschaft des Sanskrit und der Kernphysik, der Philosophie und Mathematik und Wissenschaftsgeschichte. Dieses Erkenntniserbe sollte die Universität selbstbewusster als bisher gegen die Orientierung am Gebrauchswissen verteidigen. (DER STANDARD-Printausgabe, 4.4.2005)