Was die Innenpolitik dieser Tage aus der Abteilung BZÖ, FPÖ und ÖVP geliefert bekommt, getraut sich nicht einmal die Stegreifbühne Tschauner als Spielanleitung auszugeben. Ihre Akteure würden sie auch gar nicht annehmen - so blamieren will sich keiner, der sein Geschäft versteht.

Anderswo ist die Vertschaunerung der Republik in vollem Gang. In Linz drohte ein Alt-FPler aus dem Fenster der Parteizentrale zu springen, in die er sich zuvor mit einigen Kameraden eingeschlossen hatte - und wollte die blaue Trutzburg gegen den Ansturm der Orangen bis zum letzten Mann verteidigen. Wenn da bloß keiner desertiert!

Denn Fahnenflüchtigen gibt der Freiheitliche von echtem Schrot kein Pardon. Der Gurker Bürgermeister Siegfried Kampl etwa, ein Blauer bis ins Mark, ehe er ins Lager der Orangen überlief, kennt da keinen Spaß. Wehrmachtsdeserteure, die ihr Leben riskierten, um dem Irrsinn des Krieges zu entkommen, nennt Kampl "Kameradenmörder". Nicht alle zwar, beeilte sich Kampl nachzubessern: sondern nur die, die zum Feind übergelaufen seien, und nicht die, die für die Freiheit Österreichs gekämpft hätten. So pauschal, so einfach. Wo denn, wenn nicht auf der Seite des "Feindes", haben die Deserteure für die Freiheit Österreichs gekämpft? Und was ist mit jenen, die vor allem gegen Ende des Krieges nach Hause gingen, statt bis zur letzten Patrone zu kämpfen, wie es der Führer befahl?

Bloß als Analogie in gottlob friedlichen Zeiten: Wie bezeichnet Kampl seinen Abgang aus der FPÖ und den seines Kumpels Jörg Haider samt Anhang? Nach seinen Wertbegriffen wäre, was er und Haider ihrer ehemaligen Partei antun, Desertion. Nach unseren ist es nicht einmal Schmiere. Interessant wäre zu erfahren, wo die ÖVP die Angelegenheit einordnet. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.4.2005)