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Stephane Lissner

FOTO: APA / ROLAND SCHLAGER

Wien – "Darf ich die Frage beantworten!", platzte es aus Luc Bondy heraus, bevor Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny überhaupt ansetzen konnte, die an ihn gestellte Frage zu beantworten – wie er nämlich die Tatsache bewerte, dass Stéphane Lissner, bei der Festwochen-Pressekonferenz abwesender Musikchef des Wiener Vielspartenevents (7. Mai bis 19. Juni) und gleichzeitig Leiter des Festivals in Aix-en-Provence, nun auch noch Intendanten-Kandidat der Mailänder Scala wurde.

Festwochenchef Bondy (er hat gerade in Wien bis 2010 verlängert) gab sich, noch nicht wissend, dass Lissner tatsächlich gerade zum Scala-Chef bestellt worden war, etwas erbost ob der Frage, da er hinter ihr den Vorwurf einer allzu großen Machtfülle für Lissner vermutete. Eine Antwort rang er sich dennoch ab: Alle drei Institutionen zu leiten würde nicht gehen, so Bondy. Aber die Scala und die Wiener Festwochen, das könnte Lissner schaffen, und Bondy würde das akzeptieren.

Auch der Kulturstadtrat durfte danach dieser Ansicht zustimmen: Man habe bei den Festwochen ein Dreamteam zur Verfügung, und er hoffe, dass es Wien erhalten bleibe. Möglichst so lange, wie Bondy Intendant ist, wobei sich nach Bondy bis September auch alle Fragen klären sollen, etwa ob auch Theaterchefin Marie Zimmermann nach 2007 bleiben wird. Allerdings ergibt sich eine gewisse Dringlichkeit: Lissner, der bis 2007 an die Festwochen gebunden ist, wird seinen Scala-Posten bereits im Mai dieses Jahres antreten, also praktisch parallel zum Beginn der Wiener Festwochen, deren Kartenvorverkauf am Samstag beginnt. Der Franzose ist nun automatisch für drei Institutionen verantwortlich, also in jener Situation, die Bondy vor Bekanntgabe der Scala-Entscheidung als "unmöglich" bezeichnet hat und danach nicht mehr kommentieren wollte, ohne zuvor mit Lissner gesprochen zu haben.

Das Mozartjahr

Nach der Ernennung Lissners signalisierten die Gewerkschaften der Scala jedenfalls ihre Bereitschaft, den seit über zwei Monaten andauernden Streik zu beenden. Lissner, der bis 2010 die Scala leiten wird: "Ich habe mich mehrere Wochen lang mit der Situation der Scala beschäftigt. Die Vorbereitung auf das Mozartjahr 2006 ist für dieses Haus prioritär. Die Musik wird bei mir immer absoluten Vorrang haben."

Auch um die Finanzen wird er sich kümmern müssen, die Scala hat Schulden in der Höhe von 16 Millionen Euro (unter den Schuldnern ist auch die Wiener Staatsoper). Der Gewerkschaftssprecher, Nicola Cimino, begrüßte derweil Lissners Ernennung: "Ich hoffe, dass sich der neue Intendant mit der Frage der Sanierung der Theaterkassen und der Lage des Personals aktiv auseinander setzen wird", betonte Cimino.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.4.2005)