Jetzt sind also die "echten" Blauen auch wieder geordnet. Und das werden sie auch brauchen. Denn jetzt stehen sie vor ihrer größten Herausforderung. Sie müssen regierungskritisch sein, um überhaupt punkten zu können. Nur wenn sie sich vom BZÖ unterscheiden haben sie bei Wahlen eine Chance. Und wenn die Wahlen nicht zu früh kommen. Und das ist Teil ihrer Herausforderung. Die Regierung das Fürchten lehren, aber sie nicht kippen, Schüssel reizen, aber nicht zu sehr. Ab dem Moment, wo Schüssel ohne Probleme behaupten kann, dieses Theater sei Österreich nicht mehr zumutbar, kann er vorzeitige Wahlen vom Zaun brechen und hoffen, dass ihm der Wähler dabei nicht die Schuld an den ungeliebten vorzeitigen Wahlen gibt. Wobei er da ohnehin auf die Vergesslichkeit der WählerInnen angewiesen ist.

Denn dass die Freiheitlichen, mit denen er nach Knittelfeld ein zweites Mal in eine Koalition gegangen ist, nicht besonders stabil sein würden, wussten alle. Auch Schüssel. Aber sie waren billig, die billigsten. Und sie hatten noch einen weiteren Vorteil: sowohl das laufende Theater, das Haider oder andere in der (damaligen) FPÖ aufführten, als auch die Rederei vom "kleinen Mann" um den es den Blauen angeblich immer ging, haben geholfen, die wahre Politik dieser Regierung zu vernebeln. Und da ging es im Nebel vor allem darum, denen die ohnehin gut dastehen noch weitere Geschenke zu machen – nicht nur im Form der KöSt-Senkung, sondern auch durch Verbilligung der Einstellung von Lehrlingen, der Zurücknahme des Arbeitnehmerschutzes durch Einschränkung der Arbeitsinspektion, tatenloses Zusehen bei steigender Arbeitslosigkeit usw. All das war eine Politik, die die Gegensätze in der Gesellschaft, den Abstand zwischen unten und oben vergrößert hat. Und das alles verschwindet hinter gnädigem von den alten und neuen Freiheitlichen entfachten Nebel.

Und das ist irgendwie auch die Ungerechtigkeit im Geschichtsverlauf. Nicht Schüssel, der dieses Experiment zweimal unternommen hat und dabei seine gesellschaftspolitischen Reformen durchdrücken konnte, aber zweimal am selben Partner und dessen Instabilität gescheitert ist, wird die Zeche zahlen müssen, sondern es werden wieder die Blauen sein. Egal, wie sie jetzt agieren. Sind sie zu deutlich, riskieren sie vorzeitige Wahlen und dass sie keine 4% erreichen. Und riskieren sie nicht, gilt dasselbe. Nur Haider kann mit einem sicheren Grundmandat in Kärnten und damit mit dem sicheren Einzug in den neuen Nationalrat rechnen. Und auch das belohnt ganz offensichtlich einen, der selbst das Zentrum der Instabilität der alten und der neuen Freiheitlichen ist und der den Pakt mit Schüssel geschlossen hat, der schon 2000 den "kleinen Mann" verraten hat.