Anfang 1945 haben wir in Hernals gewohnt, in einer Zinskasernengegend. Ich war neun Jahre alt. Am 8. März gab es einen großen Bombenangriff, wir flüchteten in den Keller. Meine Großmutter, die immer zu spät kam, ist auf der Kellertür hinuntergesegelt. Die kam im letzten Moment runter, weil sie schwerhörig war und den Alarm nicht gehört hatte - und hinter ihr flog die Tür durch den Luftdruck aus den Angeln. Dann war das Haus weg.

Wir gingen zwei Tage später zu Fuß zu einer Villa in Neuwaldegg, in der ausgebombte Menschen einquartiert wurden. Mein Vater, der den Krieg über in Russland gewesen und erst im Februar nach Wien in ein Lazarett verlegt worden war, hatte Urlaubsscheine gestohlen, das heißt, er ist faktisch desertiert. Klopfenden Herzens haben wir drei Militärsperren passiert, aber der Schein hat anscheinend echt ausgeschaut.

Es war ein strahlendes Frühjahr, ich erinnere mich, barfuß im Garten gewesen zu sein. Dann kamen SSler, mein Vater versteckte sich. Sie wollten meine Mutter und die anderen überreden zu flüchten. Es sei jetzt die letzte Gelegenheit. Sie waren erzürnt, weil niemand flüchten wollte. Alle Nazis waren damals schon weg, ihre Häuser zu, verbarrikadiert. Die SSler, Deutsche, haben geschimpft, wir wären lasche Ostmärkler, ihre Frauen wären andere Kaliber, die hätten die Kinder an der Hand genommen und wären zu Fuß gen Westen marschiert.

Am nächsten Tag stand ich am Gartenzaun - jeder Stab wie eine Lanze - da kamen von der Höhenstraße die Russen. Sie hatten kleine Wägelchen und Pferde. Ein langer Zug. Ich wurde ins Haus geholt, die Tür verriegelt, aber sofort hat ein Russe gepumpert und nach Soldaten gefragt. Meine Mutter stand in der Küche und versuchte, die Uniform meines Vaters zu verbrennen, was in einem kleinen Sparofen schwierig war. Es hat geraucht und die Ofenringe aufgehoben, sie hat einen großen Wäschezuber draufgestellt, und ein Russe hat erklärt, dass Ofen rauchen, wenn die Sonne auf den Kamin scheint.

Später kam ein anderer Russe und schoss mit der Pistole auf die Kronluster. Wir waren alle verschreckt, zwei Soldaten haben ihn wenig später abgeführt. Dann wurden vier Russen in der Villa einquartiert, die sehr nett waren. Nur einmal gab es eine grausliche Szene: Ein Russe war betrunken und hatte seine Pistole verloren. Ich hab sie gefunden und im Efeu versteckt. Ich wollte sie haben. Wir mussten in der Küche antreten. Er erklärte, er würde uns alle erschießen, Stalin würde ihn degradieren. Dann riss er sich die Orden von der Uniform. Mein Vater versuchte ihn zu beruhigen, erklärte, Stalin sei ein guter Mensch, und hat den Soldaten wieder dekoriert.

Es sind auch drei russische Polizistinnen eingezogen, vor denen hatte ich große Angst. Schwarze Strümpfe hatten sie an, mit vielen Löchern, Zehen und Fersen haben rausgeschaut. Eine hat immer wieder erzählt, dass ein SSler bei Kiew ihr einjähriges Kind beim Fenster rausgeschmissen hatte, weil es schrie. Da hatte ich das Gefühl: Die wird sich bitter an mir rächen.

Meine Mutter hatte eine nette Beziehung zu einem stets betrunkenen Russen. Der war Bäcker. Wenn er betrunken war, hat er bei ihr geweint, dass er gerne Brot backen würde. Sie hat gemeint, er könne das hier ja tun. Dann ist er mit Mehl und anderen Zutaten gekommen - und eingeschlafen. Während er schlief, hat meine Mutter das Mehl weggeräumt, wenn er wieder aufgewacht ist, ist er seiner Wege gegangen. Davon haben wir uns ernährt.

Es gab es auch ein geplündertes NSV-Lebensmittellager in der Nähe: Nudeln, Bohnen, Linsen, Zucker - alle Säcke aufgerissen, auf dem Boden 20 Zentimeter vermischter Belag. Im Nachbarhaus wohnte ein alter Herr, der hat seine Scheibtruhe voll geschaufelt und die nächsten Wochen damit verbracht, im Garten in der Sonne zu sitzen und den vermischten Haufen auszusortieren. Dem hab ich gerne zugeschaut. Eigentlich haben wir von den Russen profitiert, ich habe nur gute Erinnerungen an sie.

Irgendwie ist es geglückt, wieder nach Hernals zurückzusiedeln - in die amerikanische Zone. Die Amerikaner waren in einer Schule einquartiert, und sie haben mich sehr deprimiert: Es war Sommer, amerikanische Soldaten lehnten an Fenstern. Rund um das Haus, im Halbkreis, näher durfte man nicht hin, standen 150 Kinder und haben gebellt: Tschuwinggam please, Tschuwinggam! Und dann hat irgendein Soldat einmal einen Kaugummi runtergeschmissen, und alle Kinder haben sich um den einen Kaugummi gebalgt. Dann wurden sie von den Wachsoldaten wieder zurückgedrängt und haben wieder geschrien: Tschuwinggam! Die Amerikaner haben mich verstört, weil ich von den Russen gewohnt war, das Wenige, das sie hatten, zu bekommen. Da habe ich dann die Amerikaner nicht mehr mögen.

Wann ist Krieg vorbei? Mir war das als Kind nicht klar. Man hat sich hinten und vorne nicht ausgekannt. Es gab Meldungen, er sei vorbei, dann wieder, er sei noch nicht vorbei. Für mich war er vorbei, als wir wieder in unsere Wohnung zogen, irgendwann im Sommer. Daheim war immer klar, dass man den Krieg verlieren muss, dass man ihn so bald wie möglich verlieren soll. Ich habe gewusst, dass man außer Haus gewisse Sachen nicht sagen darf, dass wir gewissermaßen im Feindesland leben. Wir haben geradezu auf die Russen gewartet!

Meine ältere Schwester kam oft mit Gräuelgeschichten aus der Schule: Die Russen schneiden den Frauen die Brüste ab und salzen sie in Fässern ein. Meine Mutter hat immer gesagt, das sei Blödsinn. Sie hatte einen jüngeren Bruder, der war Obernazi. Mit dem wurde dauernd gestritten. Sie war Sozialistin, hat ihn trotzdem durch dick und dünn geliebt. Da hab ich mit sechs, sieben Jahren schon Sachen gehört, wie: "Die Juden gehen alle durch den Rauchfang." Ich habe gefragt, was das heißt. Meine Mutter hat es mir erklärt, und da soll mir niemand sagen, man hätte es nicht wissen können.

Krieg war für mich das Normale. Unter Frieden habe ich mir nicht viel vorgestellt. Wenn ich meine Mutter gefragt habe, was ist das, hat sie gesagt: "Friede ist, wenn's wieder Schinkensemmeln gibt." Das Kriegsende bedeutete, wieder zur Schule zu gehen, wo alle Nazilehrer plötzlich keine Nazis mehr waren. Zu essen gab es nur langsam mehr. Die erste Schinkensemmel? Das hat lang gedauert. 1952 oder 1953. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15. 5. 2005)