Jerusalem/Wien - "Wir sind auf unsere Arbeit konzentriert und wollen den Worten Taten folgen lassen. Wir werden unsere Arbeitsdefinition zum Antisemitismus weiter testen und aufgrund der gesammelten Erfahrungen weiter verfeinern", sagte Beate Winkler, Leiterin der in Wien ansässigen Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) am Donnerstag gegenüber der APA.

Winkler reagierte auf Vorwürfe, wonach die EUMC ein neues Antisemitismus-Papier unterdrücke. Darin geht es um eine von Experten formulierte Definition des Antisemitismus, die brisant ist, weil erstmals auch Ansichten über den Staat Israel als antisemitisch eingestuft werden und nicht mehr bloß als "legitime Kritik an der Politik Israels".

Arbeitsdefinition

Die EUMC ist beauftragt, in allen europäischen Ländern Daten über antisemitische, rassistische und fremdenfeindliche Vorfälle zu sammeln, analysieren und zu veröffentlichen. Die Arbeitsdefinition wurde zusammen mit dem Menschenrechtsbüro der OSZE (ODIHR) und Jüdischen Organisationen entwickelt.

Das umstrittene neue Antisemitismus-Papier wurde ohne Autorisierung des EUMC im Voraus in Medien und im Internet veröffentlicht. Winkler sagte dazu, sie begrüße die Veröffentlichung der vorläufigen, noch nicht endgültigen Fassung der "Arbeits-Definition von Antisemitismus zur Datenerfassung" mitsamt Beispielen. Die EUMC sei an öffentlicher Diskussion und Glaubwürdigkeit interessiert, auch um in europäischen Institutionen "unsere wichtige Arbeit" durchsetzen zu können. Winkler wies darauf hin, dass es sich nicht um eine gesetzliche Definition handle.

Koordinationsbüros

Die vorzeitig veröffentlichte "Arbeits-Definition von Antisemitismus" sei schon im März an alle Koordinationsbüros der EUMC in den 25 Mitgliedsstaaten der EU verschickt worden, um damit als "Leitfaden" Daten über antisemitische Vorfälle zu sammeln, "aber auch, um mit möglichst präzisen Definitionen verdeckten Antisemitismus auszumachen." Das Papier müsse getestet werden, um seine Machbarkeit zu prüfen. Die Wiener Behörde habe schon erste "positive Feedbacks" erhalten. Bis November sollen alle gesammelten Erfahrungen zusammengefasst und die Definition des Antisemitismus weiter verfeinert werden. "Da wir Daten zum Antisemitismus sammeln, benötigen wir auch klare einheitliche Kriterien und eine umsetzbare Definition des Antisemitismus."

Die EUMC setzt sich auch ein für eine aktive Umsetzung seiner Empfehlungen zur Bekämpfung des Antisemitismus, die in ihrem Antisemitismus-Bericht von 2004 formuliert wurden. Die EUMC hat sich aktiv an alle Mitgliedstaaten und Organisationen gewandt und um Berücksichtigung der Empfehlungen gebeten. Mit allen Staaten der EU gebe es gute Zusammenarbeit und eine Bereitschaft, Fragebögen auszufüllen und zurückzuschicken. "Wir haben keine bösen Briefe bekommen", sagte Winkler. Ihre Behörde mache in ganz Europa eine Bestandsaufnahme, auch bei den Erziehungsministerien, wie z.B. die Empfehlungen zur Holocausterziehung in den Schulen umgesetzt werden.

Zusammenarbeit

Winkler sagt, dass die EUMC vor und nach ihren Berichten über antisemitische Vorfälle eine enge Zusammenarbeit mit jüdischen Organisationen und Forschern angestrebt habe, "um zu erfahren, wie Juden den Antisemitismus erfahren und erdulden". Die Arbeit der EUMC diene auch dazu, die Traumata der Juden zu berücksichtigen. Sie erwähnte eine enge Kooperation mit mehreren jüdischen Organisationen und Yehuda Bauer von der Jerusalemer Shoa-Gedenkstätte Yad Vashem. Bauer gelte als einer der bedeutendsten Forscher des Holocaust und habe einen wertvollen Beitrag zur Zusammenstellung der Definition des Antisemitismus geleistet. (APA)