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Der Untersuchungsleiter informiert die Journalisten laufend über die Untersuchungs- ergebnisse

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In diesem Grazer Mehrfamilienhaus wurden die Leichen von vier Säuglingen gefunden

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Beamte durchsuchen das Gelände um das Haus

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Graz – Ratlosigkeit herrschte am Freitag bei der Grazer Kriminalpolizei. "Wir quälen uns seit Tagen. Diese Geschichte ist ein Wahnsinn. So etwas haben wir noch nie erlebt", erklärt Siegfried Köppel von der Kripo. Vier tote Babys. Ihre Leichen wurden eingefroren oder einzementiert. In einem unscheinbaren, gepflegten Haus mit Garten am Stadtrand von Graz.

"Entsorgt"

Wer die Kinder auf welche Weise getötet hat, wusste Freitag noch niemand mit Gewissheit. Eine 32-jährige Buchhalterin gab an, die vier Kinder geboren und dann "entsorgt" zu haben, an einen Mord wollte sie sich aber nicht erinnern. Ihr Freund, ein 38-jähriger Tischler, will weder von den Schwangerschaften noch vom grauenhaften Rest etwas mitbekommen haben. Beide sind in Haft.

Erster Fund am Montag Bereits am Montag machte ein Bewohner des kleinen Mehrparteienhauses in der Thalstraße am nordwestlichen Stadtrat von Graz den ersten schockierenden Fund. Als er Eis für seine Kinder aus der Gemeinschaftstiefkühltruhe im Haus nehmen wollte, fand er ein totes Baby in einem Plastiksack. Der Mann alarmierte die Polizei, die bald darauf die 32-jährige Bewohnerin des Hauses als Mutter des Neugeborenen festnahm.

Die Frau gab an, das Baby zur Welt gebracht zu haben, ohne bei einem Arzt gewesen zu sein. Die Schwangerschaft habe sie nicht bemerkt, sondern das Kind überraschend in der Badewanne bekommen: Es sei plötzlich aus ihr "herausgeflutscht".

Filmriss nach Geburt

"Dann hat sie von einem Filmriss erzählt und dass sie sich erst wieder erinnern kann, das Baby in die Tiefkühltruhe gelegt zu haben", schilderte Köppel.

Als die Polizei am Freitagvormittag die Medien informierte, hatte man bereits drei tote Babys im Haus gefunden. Das zweite wurde von Gerichtsmedizinern ebenfalls im Tiefkühler gefunden, das dritte von einem Leichensuchhund im Keller des Wohnhauses in einem Kübel. Dieses – ein kleines Mädchen – soll von seiner Mutter regelrecht einzementiert worden sein.

Freitagnachmittag wurde dann ein viertes totes, voll ausgebildetes Baby in einem Schuppen neben dem Haus gefunden – wieder in einem Kübel mit Zement. Die 32-Jährige gestand mit jedem Fund eine Geburt.

Die Frau und ihr Lebensgefährte sind seit acht Jahren ein Paar, noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten und werden von ihren Nachbarn als unauffällige, nette Leute beschrieben. Auch der Lebensgefährte will alle vier Schwangerschaften nicht bemerkt haben. Der Mann soll mit seiner Ex-Frau drei Kinder haben, zu denen er laut Polizei auch Kontakt gehalten habe.

"Wissen überhaupt nichts"

"Eigentlich wissen wir überhaupt nichts, denn wir haben nur die Aussagen des Paares", betonte der Grazer Kripo-Chef Anton Lehr im Standard-Gespräch. "Die Obduktion ist erst nächste Woche möglich, denn die Leichen müssen langsam aufgetaut werden. Vorher wissen wir nicht einmal, ob sie wirklich die Mutter, und ob ihr Freund der Vater ist", sagt Lehr. "Wir glauben den beiden nichts mehr", sagte der Kriminalist.

Vages Zeitdiagramm

Beim ersten Baby habe man die Schilderung mit dem "Filmriss" für möglich gehalten. "Auch, dass ein Mann die Schwangerschaft seiner Partnerin nicht bemerkt", räumt Lehr ein, "aber viermal die gleiche Geschichte?" In ersten Vernehmungen gab die Verdächtige an, sie habe gefürchtet, dass ihr Freund sie verlassen könnte. In ihren Erinnerungen habe sie aber "Probleme mit dem Zeitdiagramm", so Lehr.

Die Grazerin wisse nicht mehr, in welcher Reihenfolge sie die Kinder bekommen habe, und schließe gar nicht aus, dass sie alle getötet habe. Lehr: "Aber sie sagt, sie weiß es nicht mehr. Es kann durchaus seien, dass sie das alles verdrängt hat und wirklich nicht lügt. Wir wissen es einfach nicht."

Die Suche auf dem Gelände rund um das Haus wurde am späten Freitagnachmittag vorerst eingestellt. Weitere Nachforschungen werden an einer früheren Wohnadresse des Paares stattfinden.

Weltweit seltener Fall

Nach Meinung von Experten ist dieser Fall "einmalig". Weltweit gebe es nur wenige derartige Fälle, darunter wohl keine mit mehr als zwei Kindstötungen nach der Geburt, erklärte gestern der Gerichtsgutachter Reinhard Haller in der ZiB 2. Dass die Babys in der unmittelbaren Wohnumgebung der Frau gefunden wurden, sei ein Zeichen dafür, dass sie die Kinder doch nicht ganz hergeben wollte, erklärte der Experte. Die Leichen waren in einer Kühltruhe, in einem Kübel und unter Gerümpel in einem Nebengebäude versteckt. (APA/Colette M. Schmidt, DER STANDARD Printausgabe, 04./05.06.2005)