Berlin/Rom - Obwohl Regierungen, Europäische Zentralbank und EU die Diskussion um ein Auseinanderbrechen der Währungsunion als "absurd" bezeichnet haben, schließen Ökonomen ein Scheitern des Projekts nicht mehr aus. "Es ist durchaus möglich, dass manche Mitgliedsländer aus nationalem Interesse eines Tages austreten", sagte Paul de Grauwe, Währungsexperte an der belgischen Universität Leuven und früherer Kandidat für den Posten des EZB-Präsidenten, der deutschen Zeitung "Tagesspiegel".

In der Diskussion um die Euro-Währung hat der italienische Sozialminister Roberto Maroni am Freitag eine Rückkehr seines Landes zur Lira in Form einer doppelten Währung ins Spiel gebracht.

Italien unter Druck

Währungsexperte Grauwe meint dazu: Die Versuchung in Ländern wie Italien, aus der Währungsunion auszuscheiden, sei groß. Die hohe Inflationsrate mache das Land weniger wettbewerbsfähig im Vergleich zu Deutschland - es sei verlockend, dies mit dem Wechselkursinstrument zu beheben. "Damit die Währungsunion funktioniert, brauchen wir mehr politische Integration", forderte de Grauwe. Ansonsten würden sich die Länder nicht an eine gemeinsame Wirtschaftspolitik halten, die für die Währungsunion nötig sei.

Auch Stefan Homburg, Finanzwissenschaftler an der Universität Hannover, hält dem Bericht zufolge ein Ende des Euro für möglich. "Im Falle einer finanzpolitischen Krise ist das denkbar - denn die Solidarität der anderen Euro-Länder ist begrenzt." Italien laufe mit seiner rapide alternden Gesellschaft und der hohen Verschuldung Gefahr, eines Tages in Schwierigkeiten zu geraten. Andere Länder würden dann kaum zur Hilfe kommen und eher ein Ausscheiden Italiens anstreben.

Erholung nicht in Sicht

Die deutsche Exportwirtschaft rechnet unterdessen nach den Worten von Anton Börner, Präsident des Bundesverbands des Groß- und Außenhandels (BGA), fürs erste nicht mit einer Erholung der Gemeinschaftswährung. "Das Szenario von 1,40 Dollar für den Euro ist erst einmal vom Tisch. Der Euro ist wie ein Stein nach unten gegangen. Nach unserer Einschätzung geht es bis 1,18 weiter. Wir werden für mehrere Monate eine Bandbreite von 1,18 bis 1,28 haben", sagte Börner. Schuld an der Euro-Entwicklung seien der Zinsvorteil des Dollar und die "weiterhin nicht so berauschenden" Wachstumsaussichten im Euro-Raum, sagte der ehemalige Devisenhändler.

Für die Exporte eröffnet der gesunkene Euro wieder neue Absatzchancen. "Wir haben fünf Prozent Exportwachstum prognostiziert, und das werden wir jetzt auf jeden Fall erreichen oder übertreffen", sagte Börner. (APA/AP)