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Was wird sich in 30 Jahren auf den Wiener Straßen tun? Das Institut für Verkehrswesen an der Universität für Bodenkultur wagte im Auftrag von Shell Austria einen Blick ins Jahr 2035. Ändert sich das Verkehrsverhalten nicht, ist das Trendszenario für Autofahrer und Umwelt düster: Zunahme der Motorisierung um 35 Prozent, Verdoppelung der täglich per Pkw zurückgelegten Kilometer. Die Folge: Der Stau wird zum Dauerzustand.

Sind heute bereits 279 Kilometer des Wiener Straßennetzes überlastet, werden es in drei Jahrzehnten 646 Kilometer sein. Für Benutzer der Südosttangente hieße das beispielsweise am Knoten St. Marx täglich Stau von mehr als fünf Stunden. Bereits heute legen Herr und Frau Wiener ein Drittel ihrer Wege mit dem Auto oder dem Motorrad zurück, 2035 werden es 45 Prozent sein. Die Öffis sinken jedoch in der Beliebtheit, ihr Anteil wird von 35 auf 29 Prozent fallen. Rad- und Fußgängerverkehr nimmt ebenfalls ab.

Fatale Folgen

Ein Szenario mit fatalen Folgen für die Umwelt: Eine Zunahme der CO-Emissionen um bis zu 67 Prozent ist zu befürchten. Was ganz und gar nicht dem Kioto-Ziel entspricht, das ein Minus von 13 Prozent auf der Basis von 1990 vorgibt. Das Szenario muss nicht Realität werden, meinen die Studienverfasser Oliver Roider und Roman Klementschitz und schlagen alternative Maßnahmen zu einer nachhaltigen Entwicklung vor. Die unpopulär sind - wie etwa eine flächendeckende Maut zwischen 0,02 und 0,04 Euro pro Kilometer bei Verdoppelung zu den Stoßzeiten. Parallel dazu: weniger Straßenneubauten und "massive Förderung" des sanften Verkehrs (Öffis, Rad, Fußgänger).

Die Verringerung des überbordenden Individualverkehrs könnte auch durch technologische Entwicklungen unterstützt werden. Ein Beispiel dafür ist der Einsatz intelligenter Verkehrsmanagement und -informationssysteme. Bereits jetzt bietet das Verkehrsanalysesystem Fleet, das am Forschungszentrum Arsenal Research entwickelt wurde, Reisezeit-Informationen in Echtzeit. Jede Viertelstunde wird die Verkehrslage neu berechnet, über Radio, SMS oder Onlinedienste kommen die Informationen an den Endverbraucher. Berechnet wird die aktuelle Fahr- oder Stehzeit pro Strecke.

Rollende Sensoren

Datenlieferanten für Fleet sind in Wien 800 Taxis. Die mit GPS ausgerüsteten Fahrzeuge sind rollende Sensoren, die laufend über Betriebsfunk ihre Positionsdaten an die Leitzentrale melden. Aus diesen "floating car data" - der Informationssender Auto schwimmt quasi im Verkehrsstrom - generiert Fleet rund um die Uhr die aktuelle Verkehrslage. Gearbeitet wird mit komplexen mathematischen Modellen wie Zeitreihenanalysen und Fuzzy Logic.

Was bringt das Wissen um Stau- und Reisezeiten den Autofahrenden? Martin Linauer von Arsenal Research: "Man kann die Route wechseln, Speditionen können umdisponieren." Oder aber, und das ist für Linauer "der größte volkswirtschaftliche Nutzen": Man wird motiviert, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. Wobei der intermodale Vergleich in Echtzeit - Strecke A nach B mit dem Auto x Minuten, mit öffentlichen Verkehrsmitteln y Minuten - noch Zukunftsmusik ist. Nach Wien wird Fleet in Kürze auch in Graz und Düsseldorf eingesetzt. Beide Stadtverwaltungen wollen den Verkehr künftig intelligent steuern. Fleet (Fleet Logistics Service Enhancement with Egnos & Galileo Satellite Technology) ist durch das 2002 gestartete Artist-Programm gefördert worden. Artist steht für Austrian Radionavigation Technology and Integrated Satnav services and products Testbed, abgewickelt wird das Programm durch die Forschungsförderungsgesellschaft. (jub, DER STANDARD – Printausgabe, 06.06.2005)