Ihr Auftritt, bitte: So illustrierte die liberale Hamburger "Zeit" vorweg den Kanzlerwechsel zu Angela Merkel, flankiert von Edmund Stoiber (CSU).

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Noch hat Deutschland nicht gewählt. Doch Zeitungen und Magazine haben Gerhard Schröder längst ein publizistisches Grab geschaufelt und schreiben CDU-Chefin Angela Merkel als Kanzlerin herbei.

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Der Urlaub in Italien ist storniert, ebenso die Radtour in Estland. Und dennoch: Selten hat das Wehklagen der politischen Journalisten in Deutschland so heiter geklungen wie in diesen Tagen. Rot-Grün kämpft um's Überleben und da möchten sie alle dabei sein. Wer planscht schon gerne im Meer, wenn dem Regierungschef daheim das Wasser bis zur Unterlippe steht. Kanzlerdämmerung statt Kalabrien, Endspiel statt Estland, heißt die Parole.

Noch ist nicht völlig sicher, ob am 18. September gewählt wird. Wer gewinnt, ist in den deutschen Medien aber schon klar: Angela Merkel, die CDU, die CSU, die FDP und sogar Edmund Stoiber. Aber sicher nicht Gerhard Schröder.

Die Jagdsaison auf den Kanzler hat just der "Spiegel" eröffnet, der 1998 den Einzug des Duos Schröder/Fischer ins Kanzleramt gar nicht erwarten konnte. "Der lange Abschied von Rot-Grün" titelte das Hamburger Magazin schon Mitte März, zwei Monate vor der Landtagswahl von Nordrhein-Westfalen. Der Sonnenuntergang auf dem Cover (roter Himmel, grünes Meer) war fast so stimmungsvoll wie jener, den Karl-Heinz Grasser kurz darauf auf Capri genoss.

Kanzler auf Treibsand

Dann kam jener 22. Mai, an dem Rot-Grün in Nordrhein-Westfalen die Macht und die SPD-Spitze in Berlin die Contenance verlor. Seither ist Merkel en vogue, zumal die CDU berauschende Umfragewerte hat. "Der Kanzler steht auf Treibsand, die SPD am Abgrund", konstatiert Heribert Prantl in der "Süddeutschen" vom 23. Mai. Die passende Illustration lieferte am Wochenende das "SZ-Magazin". "Hier sitzt bald Frau Merkel", hieß es auf dem Cover - über einem Foto, das Schröder beim Aktenstudium zeigt. Es folgen gut sechs Seiten Bilder vom "Kanzlerfotografen" Konrad Müller, die Schröder und seine Getreuen bei der Arbeit im Kanzleramt zeigen. Um elf Uhr, ist zu erfahren, blättert Schröder gerne in der "Hannoverschen Allgemeinen", seiner Heimatzeitung. Merkel, die von der Insel Rügen stammt, wird sicher die "Ostseezeitung" auflegen, mutmaßt die "SZ" und fragt sich, ob Merkel im neuen Büro - so wie Schröder - auch ein Bild von sich aufhängen wird.

Apropos Sitzgelegenheit: Bild macht sich bereits Gedanken über eine eigene Damentoilette im Kanzleramt. Die "FAZ" stimmt ebenfalls in den Abgesang ein. "Das war Rot-Grün" ist auf www.faz.net ein Lexikon zur Ära Schröder (von "Atomausstieg" bis Zwanzigzehn") betitelt.

Von der "Sehnsucht nach einer Lichtgestalt" schreibt der "Berliner Tagesspiegel" und lobt Merkels neues Styling. Plötzlich gibt es von der Kanzlerkandidatin fast nur noch gelungene Fotos. Es ist Schröder wenig Trost, aber er ist nicht der einzige, der hinuntergeschrieben wird. Joschka-Bashing ist jetzt auch sehr in. "Grüne in Sorge. Joschka zu fett für Wahlkampf", verhöhnt "Bild" Außenminister Fischer. Nicht einmal mehr die linke "taz" steht zu ihm. Auch dort heißt es: "Die fetten Jahre sind vorbei" und "Fischer ist Geschichte". (Birgit Baumann/DER STANDARD, Printausgabe, 9.6.2005)