Szene 1

Freitagnachmittag. Immer schon war die Haltung mancher Personen zur Vergangenheit schwierig gewesen. Aber bisher wurde taktvoll das Thema gewechselt. Beim Essen oder beim Kaffee. Wenn etwa die Politikersgattin XY wieder einmal von "damals" beginnen wollte.

Takt nützt jetzt nichts mehr. Wenn alle sich politisch outen, dann möchte sie das auch haben. Sie ruft mich an. Freitagnachmittag. Eine Einladung wird ausgesprochen und dann erzählt sie mir, sie sei ja keine Rassistin. Das müsse sie mir schon einmal sagen. Und sie habe viele Freunde, die seien Juden. Und das mache ihr nichts aus. Nur sagen wolle sie das können. Bis dahin bleibt sie im Normalrepertoire rassistischer Hilflosigkeit. Und dann. "Aber das mit dem Holocaust. Das kann ich nicht mehr hören. Immer nur die Juden. Es waren auch noch andere da. Da waren sogar Erzherzöge."

Nach den Erzherzögen lege ich auf. Ganz vorsichtig lege ich den Hörer in seine Mulde. Es ist kein Verlust. Manche Personen drängt einem das Leben auf. Aber gerade weil diese Frau mir nie nahe war, ist mir die Tragödie hinter diesen Sätzen so klar. Diese Frau. Und mit ihr die vielen anderen, die diese oder ähnliche Sätze ausrufen hätten können. Und diese oder ähnliche Sätze sind nicht das Repertoire einer Generation. Die Anruferin ist etwas älter als Martin Walser. Das kann man auch von Jüngeren und ganz Jungen hören.

Es fällt schwer. Es fällt bleiern schwer auf die Seele, zu begreifen, was diese oder ähnliche Sätze ausdrücken. Und die Etiketten aus der Rassismuslade reichen da nicht aus. Beschreiben nur einen Aspekt der Oberfläche. Es ist kaum zu begreifen, weil es so ärmlich und so absurd ist. In diesen und ähnlichen Sätzen zur Shoa wird Neid gesagt. Die Sager solcher Sätze beneiden die Opfer der Shoa, nachdem sie mitgeholfen, sie zu Opfern zu machen. Sie sind neidig auf die Aufmerksamkeit, die die Opfer der Shoa bekommen. Neidig auf die Zuwendung.

"Immer nur die Juden." Und. "Da waren auch andere." Das "immer" und das "nur" und das "auch". Hinter dem Temporaladverb "immer". Hinter dem restriktiven Modaladverb "nur". Und hinter der eingliedrigen Konjunktion "auch". Hinter diesen Wörtern tut sich eine verwüstete Seelenlandschaft auf. In ihnen stellt sich die Not dar, nie willkommen gewesen zu sein. Und diese Not treibt die Sager von diesen Sätzen und ähnlichen in einen Neid auf die Opfer der Shoa. Und darin in einen letzten Raub an der Würde der Opfer.

Sie hätten auch gelitten, wird da ausgerufen. Für sie war der Krieg auch kein Spaß. Sie hätten auch alles verloren. Und in ihrer Unfähigkeit zu leben, beneiden sie Millionen Tote um Zuwendung. Und. Sie führen darin das Werk des Antisemitismus weiter. Sentimentalisiert in nostalgische Selbstgerechtigkeit.

Szene 2

Samstagabend. Romy-Verleihung. Wieder einmal. Und Franz Antel bekommt die Platinromy für sein Lebenswerk. Seltsam genug. Aber Franz Antel. Der hat von Hollywood gelernt. Der weiß, bei wem er sich zu bedanken hat. Der macht das wie die Oscar Preisträger. Er bedankt sich bei seiner Mama. "Die ist aber schon gestorben." Das Publikum lacht ein bisschen. Er möchte sich bei seinen Lehrern und Vorbildern bedanken. "Die sind aber auch schon tot." Das Publikum lacht lauter. Er möchte sich bei seinen Kritikern bedanken, die ohenhin nie Gutes über ihn geschrieben hätten. "Aber die sind auch schon tot." Das Publikum lacht laut. Applaudiert. Amüsiert sich königlich.

Nun. Es sei einem alten Mann unbenommen, seinen Triumph des Überlebens auszukosten. Das Phänomen ist bekannt. Es macht einem die triumphierende Person nicht unbedingt sympathischer.

Was aber hier zu fragen ist. Bei der Romy versammelt sich ein Teil dessen, was wichtig ist in Österreich. Wie kann dieser Teil dessen, was wichtig ist in Österreich, diesem alten Mann das Publikum abgeben, das darüber lacht, dass alle anderen schon tot sind. Nur er nicht. Was ist daran komisch?

Wieder liegt einer dieser Verstöße gegen eine Kultur der Würde vor, wie sie tausendfach und jeden Tag vorkommen. Unbemerkt. Und in diesem Fall feiert sich der Triumph der Überlebenden über die Toten. Man könnte das eine Geschmacklosigkeit nennen, würde diese Äußerung nicht in einem Umfeld auch aus den Sätzen der Szene 1 gemacht werden. Die Anruferin und Franz Antel gehören natürlich irgendwie zur gleichen Szene. Wie alles halt so stimmt. In Wien.

Szene 3

Sonntagmorgen. In der Sendung "Hohes Haus" verlangen alle Parteien voneinander die Aufarbeitung der Vergangenheit nach 1945.

Peter Westenthaler, "die SPÖ tut gut daran . . .", Andreas Khol, "unsere Partei ist von KZ-Häftlingen gegründet worden." Gusenbauer entschuldigt sich für die SPÖ. "Wir bedauern diese Fehler zutiefst und bitten insbesondere die dadurch verletzten Überlebenden, bzw. die Angehörigen der Opfer um Entschuldigung." Ich versuche den ganzen Text im Internet zu lesen. Ob da etwas von den Opfern steht. Aber die Seite ist nicht erreichbar.

Szene 4

Sonntagnachmittag. Ich gehe durch den Türkenschanzpark. Es ist kalt. Aber Frühling. Büsche und Bäume in Blüte. Tulpen und Narzissen. Das Gras wieder grün.

Der Blick auf die Geschichte eröffnet ein Panorama tagespolitischen Kalküls, das das Werk der Judenvertreibung nach dem Krieg erst wirklich vollendet hat. Die Politikersgattin kann das mit dem Holocaust nicht mehr hören. Der Regisseur des Heimatpornos kann sich mit Zustimmung des Publikums zum Überlebenshelden stilisieren. Und ich bin nicht ganz sicher, ob die SPÖ das richtig gemacht hat. Mit dem Entschuldigen.

Ich ginge gerne gleich auf einen Donnerstag-Wandertag. Mich im Gehen mit den vielen anderen, die es auch so nicht wollen, diesem Wust der Schlampereien mit System zu entwinden. Im Gehen nichts anderes sagen, als dass ich das alles so nicht will. Auch nicht ertragen kann. Dass alles falsch gewesen. Dass alles neu besprochen werden muss. Und dass es in einem solch verwüsteten Sprachklima nicht anders zu sagen ist als im Gehen. Zu wüst und widerlich ist der Grund, auf dem da so geredet wird.