Wien – "Weil ich ein Amateur bin." John Hiseman sitzt in der Kantine der Szene Wien und spielt mit einem Bierbecher. Er ist bald 61 Jahre alt und zwei Stunden später spielt er ein Zehn-Minuten-Schlagzeugsolo, bei dem wie früher in der Mitte der Basstrommelwirbel mit dem Fuß schneller und die Wirbel mit den Händen langsamer werden. Und dann umgekehrt. Unfassbar. Kreuzdenken. Der Rest von Colosseum taucht auf und sie kippen in eine atemberaubend flott gehaltene Version von "Lost Angeles". Hisemans Rache an den kalifornischen Hippie-Kleinbürgern, die Ende der 60er-Jahre die Musik seiner Band mit völligem Unverständnis quittierten.

"Wir dachten nach drei ausverkauften Gigs an der Ostküste, dass wir Amerika geknackt hätten, aber es war nicht so." Sie nahmen sich nie die Zeit und die Mühe, das nachzuholen, in Europa aber wurde die Band zu Recht als Vorkämpfer der melodiösen Fusion von Jazz, Rock und Blues verehrt und geschätzt. Das Album "Colosseum Live" gehört zu den drei besten Rock-Dokumenten aus den 70ern. "Heute spielen wir viel besser", sagt Hiseman, "damals konnten wir unsere eigene Musik nicht adäquat interpretieren, wir waren zu nervös, heute haben wir die spieltechnischen Fähigkeiten dazu." 25 Jahre lang schlief Colosseum, nachdem Gitarrist Celm Clempson zu Humble Pie gegangen war. Eines Tages im Jahr 1994 rief Hiseman sie wieder zusammen.

Sie fahren in der Originalbesetzung durch Europa, mit Ausnahme natürlich von Dick Heckstall-Smith, der im Dezember des Vorjahres an Leberzirrhose starb. Barbara Thompson, Hiseman's Frau, spielt jetzt statt des Uraltfreundes Saxophon. Sie hat Parkinson und sie muss sich an Tagen, da gespielt wird, die Zeit genau einteilen. "Sie hat ein neues Medikament, aber es wird nicht leichter."

Diese Gruppe von überwuzelten Amateuren – Mark Clarke, Bass, Dave Greenslade, Keyboards, Chris Farlowe, Gesang – hält zusammen wie eine Gang. Von der Eröffnung mit Jack Bruce's "Theme For An Imaginary Western" über "Walking In The Park" von Graham Bond und "Rope Ladder To The Moon", die "Valentyne Suite" bis zu Lost Angeles mit seinem Doppel-Gitarre-Bass-Solo geigen sie sich weg.

"Ich wollte nie jemand sein, ein Star, mich hat immer die Welt interessiert und wer ich bin und was ich aus meinen Talenten machen kann. Es ist auch so mit der Band: Du musst die Talente fördern, die du hast, du musst deine Tiere füttern. Dann danken sie dir und man kommst sich wirklich nahe." Im kommenden Jahr will Hiseman in Israel auftreten. "Und sobald das sicher ist, will ich auch einen Gig in der West Bank organisieren. Ich möchte eine Balance schaffen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.6.2005)