Das Cover der Illustrierten Stern ist nicht neu. "Warum Österreich Spitze ist" war bereits im Februar Inhalt einer vom Manager Magazin publizierten Studie der Beratungsfirma Contor, wonach Österreich gleich mehrere Vorteile habe:

1. Wir arbeiten im Jahr um sechzig Stunden mehr als die Deutschen.

2. Wir erwirtschaften fast das Zweifache unserer Lohnkosten, die Deutschen nur das Eineinhalbfache. Im besten Fall.

3. Die österreichische Körperschaftssteuer liegt bei 25 Prozent, die deutsche bei 39 Prozent.

Auswirkungen: Die Österreicher sind im Moment um zwölf Prozent reicher als die Nachbarn. Die meisten österreichischen Regionen liegen ökonomisch weit vor den vergleichbaren deutschen. Das österreichische Wachstum liegt um einiges höher.

Dabei spielt auch die EU-Mitgliedschaft eine Rolle. Die österreichischen Exporte nach Deutschland sind seit 1995 von nicht ganz 39 Prozent auf 32 zurückgegangen, die Exporte in die neuen Beitrittsländer von zehn auf 13 Prozent gestiegen. Das heißt, die österreichische Abhängigkeit vom "großen Bruder" hat sich verringert.

Differenz verschwiegen

Was jedoch - auch in der politischen Diskussion - verschwiegen wird, ist trotz ähnlicher Strukturen der beiden Staaten die Differenz. Schon 1999, vor Antritt der schwarz-blauen Koalition, lag Österreichs Wirtschaftsleistung vor der Deutschlands. Einer der entscheidenden Gründe ist die hohe, durch die Anfang der 90er-Jahre vollzogene Wiedervereinigung entstandene Bürde der ehemaligen DDR-Länder. Österreich konnte fast ungebremst die Ostöffnung nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nützen. Deutschland nicht.

Dazu kommen Unterschiede in den Arbeitsbeziehungen. Schon vor dem Machtwechsel im Februar 2000 waren die österreichischen Gewerkschaften flexibler als die deutschen. Die österreichischen Maßnahmen, Arbeitslose wieder einzugliedern, waren lang schon schärfer als die deutschen. Die österreichischen Konzernvorstände können sich freier bewegen als die deutschen.

Das heißt: Der Vergleich hinkt derart, dass man genauso behaupten könnte, wir seien die besseren Italiener. Ernsthaft. Denn auch für diese Einschätzung gibt es gute Gründe. Die kulturellen Bande mit Deutschland sind wegen der gemeinsamen Sprache traditionell die engsten. Die Musik, die Architektur und die bildende Kunst orientieren sich hingegen seit Jahrhunderten stärker nach Süden, die Lebensart ist in vielen Teilen Österreichs der italienischen stärker verbunden. Das wirkt sich auf Arbeitsmentalität und Art der Problemlösungen aus. Die theatralische Seite der österreichischen Politik ähnelt über weite Strecken jener Norditaliens. Stichwörter: Haider, Lega Nord, Spaltungen.

Die Nachteile Italiens liegen ebenfalls auf der Hand: Die volkswirtschaftlichen Verluste durch die Mafia sind hoch, die Realisierung von Gesetzen ist (wie neuerdings auch in Österreich) seit jeher wenig effizient, die Produktivität pro Arbeitnehmer erheblich geringer. Was Italien kürzlich und wieder einmal im Londoner Economist zum Titel des "kranken Mannes" Europas verholfen hat.

Anschlussgedanken

Es gibt aber auch einen gefährlichen versteckten Aspekt der Stern-Avancen. Sicher nicht beabsichtigt: Aber der Titel "Österreich - das bessere Deutschland" birgt den Anschlussgedanken. So nach dem Motto: Herbei, die könnten unsere Bilanz verbessern.

Nun, wir sind in Europa. Und das ist gut so. Denn es gibt in Deutschland immer wieder Stimmen, welche die österreichische Kultur nur als eine "Nuance" der deutschen betrachten. Daher wäre den Publizisten in der Nachbarschaft zu raten, mit Gleichsetzungen von Kultur und Sprache genauso vorsichtig zu sein wie mit Eingemeindungen. Erst vor wenigen Tagen wieder wurden im Berliner Magazin Cicero die österreichischen Nationalökonomen Joseph Schumpeter und Friedrich A. Hayek zu Deutschen erklärt. (DER STANDARD, Print, 11./12.6.2005)