In einer oberösterreichischen Tageszeitung gab im Juni 2004 ein Leserbriefschreiber seiner Verwunderung darüber Ausdruck, dass ein Brief, den er in Waidhofen an der Ybbs an eine Adresse zwei Straßen weiter schicke, zuerst in ferne Verteilerzentren geliefert würde, bis er die wenigen hundert Meter überwunden habe. Solche Umständlichkeiten seien nur dadurch erklärbar, dass "Herzmanovsky-Orlando an seinem 50. Todestag auferstanden ist und hoch am gelben Wagen ins Posthorn stößt!"

Abgesehen davon, dass sich dieser Zeitgenosse wie nur wenige des 50. Todestags des Schriftstellers am 27. Mai entsann, lieferte er vor allem ein Beispiel, wofür der Name Herzmanovsky-Orlando jahrzehntelang ein Synonym war: kakanische Kauzigkeit und bizarre bürokratische Auswüchse. Zwischen 1984 bis 1994 besorgte der Residenz Verlag zwar eine seriöse Gesamtausgabe, aber derzeit ist nur ein einziges Buch (Der Gaulschreck im Rosennetz) lieferbar. Wie die Herausgeber des Essaybandes in Erinnerung rufen, "befindet sich damit Herzmanovsky-Orlando in guter Gesellschaft", es seien auch von Grillparzer, Raimund oder Nestroy keine Leseausgaben verfügbar. Das sind schwierige Voraussetzungen dafür, den Autor endlich auch außerhalb der universitären Forschung - laut Untertitel - "im Kontext" zu verorten. Damit nicht genug: Klaralinda Ma bekennt offensiv die Schwierigkeiten der Lektüre, es handle sich bei Herzmanosky um anstrengende, fordernde Literatur, die "viele Leser überfordert", und sie stellt klar, dass von den Autoren des Bandes keine Rezepte für die Lektüre zu erwarten sind.

Hat man diese Herausforderungen einmal hinter sich gelassen, kann man sich getrost an den Essays, Hommagen und Bildern - so der zweite Untertitel - erfreuen, die den nachgereichten Höhepunkt des Herzmanovsky-Orlando-Jahres darstellen. Das liegt im Geringsten an der spärlichen Konkurrenz, vielmehr an der Qualität der vorgestellten gegenwärtigen Lesarten, an den spannenden Zugängen zum dichterischen Werk, den kompakten, biografischen Informationen und am möglichen Einblick in das zeichnerische Werk. "Phantastik auf Abwegen" ließe sich denn auch bestens als Einführung in das uvre des "verspielten Avantgardisten und Surrealisten" (Wallner) gebrauchen.

Wendelin Schmidt-Dengler spürt dem Fragmentarischen, Marginalen sowie dem Sprachmaterial nach, Astrid Wallner erhellt die Mechanik der Metamorphosen und den "Mythos als regierendes Element der Textgestaltung", Klaralinda Ma würdigt neben vielem auch den Architekten Herzmanovsky-Orlando. Juliane Vogel gelingt es mit dem - für so manchen Herzmanovsky-Leser wohl überraschenden - Verweis auf Korrespondenzen zur radikalen Ästhetik George Batailles wunderbar, die Modernität der Romantrilogie zu akzentuieren. Sie stellt diesen Bezug über die "Vitrinenstückerln" Herzmanovsky-Orlandos her: "Wie viele Texte der Moderne nehmen auch die seinen ihren Ursprung in der Tätigkeit des Sammelns." Der Autor produziert/sammelt verschwenderisch, zugleich verrotten die textlichen Austriaca-Sammlungen in aller Intensität vor sich hin - ganz im Sinne des Bataille'schen Surrealismus.

Gelingt es also den Beiträgen zum einen konzis, das Avancierte und Faszinierende an diesem "Gesamtkunstwerk" darzulegen, verhehlt man andererseits die weniger innovativen Seiten keinesfalls: "Bei seinen Frauengestalten bleibt er in den Schnittmustern den in seiner Zeit geläufigen Entwürfen verhaftet - und in deren Ängsten." (Karin Rick)

Ein abschließender Blick in das Autorenverzeichnis lohnt: Die Herausgeber lassen, ein sympathischer und in Sammelbänden seltener Zug, den Nachwuchs ran - ein Drittel der Beiträger ist unter 26. (DER STANDARD, Printausgabe vom 11./12.6.2005)