Sturzbewegungen in die Unterwelt der Mediokrität: Editta Brauns "Eurydike revisited" beim Festival Art Carnuntum.

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Petronell - Im Programm für das Art-Carnuntum-Theaterfestival ist eine Überschätzung passiert. Die Salzburger Choreografin Editta Braun wird da als "Grande Dame des österreichischen zeitgenössischen Tanzes" bezeichnet. Das ist gut gemeint, doch im heimischen Tanz gibt es hier zu Lande noch keine Persönlichkeiten, deren Bedeutung und Alter einen solchen - ohnehin angestaubt klingenden - Titel rechtfertigen würden.

Braun hat in dem zauberhaften Festival-Ambiente bei Schloss Petronell ihr tragisches Tanztheater "Eurydike revisited" gezeigt und dabei unbeabsichtigt ein beispielhaftes Trauerspiel vorgeführt. Nämlich jenes von inhaltlich engagierter darstellender Kunst, die unrettbar im Hades ihrer Form versinkt, in der Unterwelt der Mediokrität.

Österreichs Theater- und Tanzszene ist mit solch Braun'schen Charakteren bekanntlich reich gesegnet. Sie sind mit glühenden Seelen ausgestattet, die ihren Weg zu jener großen Anerkennung, deren Licht sie entgegenstreben, nicht finden. Dafür schieben sie gern allerlei dunklen Umständen und finsteren Zeitgenossen die Schuld in die Schuhe. Es sind jene, die glauben, es müsse nicht weiter gewusst werden, wie man den Nagel auf den Kopf trifft, wenn nur ein recht großer Hammer gebraucht wird.

"Eurydike revisited" ist eine mit liebenswürdiger Schlichtheit gestrickte Bearbeitung des klassischen Themas um den Schussel Orpheus, der die Rettung seiner Geliebten vermasselt. Mit einem hausbacken sublimen Text von Barbara Neuwirth, der von Daniela Enzi so vorgetragen wird, dass man sich wünscht, diese Schauspielerin könnte sich entschließen, Unterricht bei Amir Reza Koohestani nehmen, dessen Stück Dance on Glasses kürzlich bei den Wiener Festwochen gezeigt hat, was Sprechtheater heute draufhaben kann.

Die Choreografin ist nicht so bodenlos gescheitert wie - um bei den Festwochen zu bleiben - Peter Sellars mit seiner Deutung zweier Bach-Kantaten. Sie bewegt sich vielmehr auf einer Ebene, deren künstlerische Niederschwelligkeit ein Versagen im Grunde ausschließt. Mit ihrer Eurydike wirft sich Braun für die Frau an sich ins Zeug. Ob der Feminismus nicht bessere Proponentinnen verdient? (Der Standard, Printausgabe, 13.6.2005)