Die Franzosen hätten nur deshalb und mehrheitlich gegen die EU-Verfassung gestimmt, weil sie keinen Beitritt der Türkei wollen. Das ist die momentane Masche, um einer differenzierten EU-Debatte zu entkommen. Österreichische Spitzenpolitiker bedienen sich ihrer ebenfalls, obwohl sie wissen müssten, dass die Schattenseiten der Globalisierung ebenfalls eine große Rolle spielten. Genauso wie innenpolitische Konflikte und Demokratie-Fragen. Der österreichische Finanzminister hat, diesmal in der Populismus-Hose, in der ORF-"Pressestunde" gleich die Absage des Verhandlungstermins zwischen Brüssel und Ankara verlangt. Obwohl er ganz genau weiß, dass ihn Wien mitbeschlossen hat. Nationalratspräsident Andreas Khol wiederum verweist den Türkei-Beitritt in die weit entfernte Zukunft und erweckt, sogar bei Journalisten, den Eindruck, als würde er eine unmittelbar bevorstehende Katastrophe verhindern. In Wirklichkeit reden selbst die Türken von einem Beitritt rund um 2020 herum. Bemerkenswert an der laufenden EU-Debatte ist, dass Regierungsmitglieder (nicht nur die unsrigen) in Brüssel anders reden als daheim, dass sie Beschlüsse (an denen sie mitgewirkt haben) negieren und dass sie mit Zeithorizonten spielen, als hätten alle ihrer Zuhörer ein Siebhirn. Am Tarnen, Täuschen und Verschleiern scheinen unsere Republikjubilare stärker interessiert als an der Vermittlung von Tatsachen und Vorgängen. Die Krisenzeichen in der EU brauchen freilich keine Populismen, sondern mutige Politiker, die Unpopuläres beschließen und vertreten. Der bevorstehende Gipfel ist eine solche Wegmarke. Die Staats- und Regierungschefs kennen ihre Verantwortung. Sie wahrzunehmen ist ihr wirklicher Job. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.6.2005)