Foto: Festwochen/David Clermont-Béique
Wien - Die Lehrerin zeigt zwei Karten. Auf der einen steht "Henne" und auf der anderen "Papa". Sie fragt ihre Schüler, welches Wort zu einem Tier und welches zu einem Menschen passe. Ein Mädchen denkt, hinter der Banalität dieser Frage müsse ein tieferer Sinn stecken. Also zeigt es auf das Wort Papa und verbindet es mit dem Animalischen. Die Lehrerin korrigiert streng. So lernt die Schülerin, dass es den Erwachsenen nur um das Offensichtliche geht.

Diese Anekdote erzählt die kanadische Performerin Marie Brassard bei den Wiener Festwochen während ihres Stücks Peepshow, in dem das Offensichtliche bloß eine Maske der Wirklichkeit ist. Brassard steht allein auf der Bühne, spinnt Geschichten mit den Stimmen von Kindern, jungen und älteren Frauen. Und aus dem Off mischt sich immer wieder eine zweite Stimme (Alexander MacSween) ein: die des Mannes, des Wolfs, des Monsters.

Im Labyrinth

Peepshow ist kein Seelenporno. Am Beginn dieser subtilen Performance erzählt ein Mädchen, wie es sich im Wald verirrt, von einem Monster an der Hand genommen und zu einem See geführt wird. Und am Ende spricht das Monster aus den Tiefen der Seele davon, wie es das Mädchen durch die Korridore eines Labyrinths führt, an dessen Ende sich eine weite Landschaft auftut, in der es einen See gibt.

Dazwischen tut sich ein Pandämonium des Unheimlichen auf. Rotkäppchen legt sich nackt zu ihrer wölfischen "Großmutter", ein Teenager genießt es, von einem Fremden verfolgt zu werden, und der Satz "What you see is what you get" erhält einen abgründigen Bedeutungsmehrwert, den viele Theaterbesucher nur allzu gut kennen: Wir bekommen nur mit, was wir fähig sind zu sehen.

Keller-Spuk

Die Darstellerin in ihrem roten Kleid, mit Perücke und Sonnenbrillen, rührt an dunklen Bildern, die in uns allen gespeichert sind, streift Erzählungen, die einige der in uns eingeschlossenen Bestien vage beleuchten. Sie bringt verborgene Neigungen und Obsessionen zur Sprache, verweist auf den Spuk in unseren Kellern. Dabei werden Befindlichkeiten fassbar, die für das Fernsehen, diesen eifrigen Ratgeber in allen Lebenslagen, zu unspektakulär oder zu kompliziert sind.

Brassard setzt sich mit Peepshow deutlich von Robert Lepage, mit dem sie lange zusammengearbeitet hat, ab und verortet sich in der Nähe von Sarah Chase, einer - ebenfalls in Kanada lebenden - Choreografin und Meisterin des gestisch-verbalen "Storytelling". Chase wie Brassard treten gleichermaßen als unermüdliche Scheherazade-Figuren des 21. Jahrhunderts auf, die das Infotainment der Gegenwart mit gelassener Empathie überlisten. (DER STANDARD, Printausgabe, 14.06.2005)