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Carlo Maria Giulini 1996 in der Wiener Staatsoper

Foto: APA / BTV/Zeininger
Brescia – Er konnte das tun, wovon die meisten seiner Kollegen träumen – sich nämlich aussuchen, mit welchen Orchestern er arbeiten wollte. Doch auch als Mitglied dieses winzigen Kreises bedeutender Dirigenten hatte Carlo Maria Giulini nichts von einem reisefreudigen Star, der sich mit dem Verbreiten oberflächlicher Effekte abgab und dirigierend sein Ego streichelte.

Giulini begann als Orchestermusiker (er war Bratschist), spielte unter Bruno Walter, Wilhelm Furtwängler und Richard Strauss, wusste also über die romantische Tradition Bescheid. Aber auch, wie sich Musiker fühlen. So behauptete er, eigentlich nie aus dem Orchester ausgetreten und kein Dirigent zu sein, sondern "ein Musiker, der mit anderen Musikern arbeitet".

In sein nicht sehr breites Repertoire nahm er nur Werke auf, die er "fühlte", bei Interpretationen begnügte er sich nicht damit, etwa nur richtig zu machen. Es ging um jenen mystischen Augenblick der Werkerweckung – abseits der übertriebenen Subjektivität allerdings. Interpretation war ihm eher ein Dienst am Werk. "Ich muss mich mit Genies auseinander setzen. Ich kann nur versuchen zu verstehen, was Komponisten durch dieses seltsame Ding, das wir Notation nennen, sagen wollten."

Zweifellos aber begannen die Werke unter Giulini zu sprechen, bisweilen zu singen, wurden durch einen farbenreichen Klang erweckt, der nichts verschleierte. In seiner frühen Phase, als er das Rundfunkorchester in Rom leitete und später an der Mailänder Scala Chef wurde, mag seine Handschrift auch stürmische Züge aufgewiesen haben. In seiner Spätphase gerieten die Tempi langsamer, seine Anweisungen minimalistischer, ohne allerdings Intensität einzubüßen. "Irgendwann klopfen manche Werke bei dir an und sagen dir, dass du sie dirigieren sollst", meinte Giulini.

Bei ihm, der auch Chef der Wiener Symphoniker war, drängten sich vor allem Werke des klassisch-romantischen Repertoires auf. Als die Berliner Philharmoniker 1985 anklopften, um ihm die Nachfolge Karajans anzubieten, fühlte er sich zwar "überwältigt und geehrt", lehnte jedoch ab. Carlo Maria Giulini ist am Mittwoch in einer Klinik in der lombardischen Stadt Brescia 91-jährig gestorben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.6.2005)