In Brüssel kursiert ein böser Witz: Das Ringen der Staatschefs um die Führungsrolle in Europa - das ähnele Bewerbungen von Nichtschwimmern um den Bademeister-Posten. In der Tat sind etliche "Big Player" schwer angeschlagen - und führen gerade deshalb erbitterte Gefechte.

Frankreichs Jacques Chirac will nach dem Non zur Verfassung die Europastimmung zu Hause heben und geriert sich als Bauernfreund. Kein Wunder: Frankreich ist Hauptprofiteur der üppigen Agrarförderung. Als tönender Nationalist wehrt sich Chirac gegen Agrarkürzungen - und fällt mit der Bestemmhaltung aus der Rolle als glühender Europäer, die er sonst gerne als Staatschef einnimmt.

Chiracs Hauptgegner ist Tony Blair, nach den britischen Wahlen ebenfalls angezählt. Umso heftiger gefällt er sich als Patriot, wettert gegen das Agrarbudget und verteidigt den Britenrabatt mit Zähnen und Klauen. Diese Außenseiterposition passt zur Rolle Blairs: In seiner ersten Amtszeit gab er den Europafreund, wollte auch den Euro einführen. Inzwischen ist ihm Washington näher als Brüssel.

Auch daher ist die Freundschaft zu Gerhard Schröder abgekühlt. Der deutsche Kanzler beschwört gern die deutsch-französische Achse als EU-Motor, eilte nach dem Non auch zu Chirac - bloß: Wer innenpolitisch so wackelt wie Schröder, kann auch auf der Europabühne nicht glänzen. Scheinbar unbeirrt spielt Schröder dennoch weiter die Rolle als Zahlmeister: Deutschland hat bereits Ja zu höheren Beiträgen gesagt, um den Finanzstreit zu lösen.

Bei so viel Geschwächten liegt es nur an einem, die Rolle als Vermittler zu besetzen: Luxemburgs Jean-Claude Juncker. Als Vertreter eines winzigen (400.000 Einwohner) und reichen Landes hat er weniger Eigeninteressen als manche Kollegen. Zudem kommt dem EU-Ratspräsidenten seine langjährige Erfahrung (er ist seit 28 Jahren Regierungsmitglied und damit Europapolitiker) zugute. Was Wunder, dass viele glauben, dass Juncker und nur Juncker ein Scheitern des Krisengipfels verhindern kann.

Denn einer hat sich spätestens in der Verfassungskrise als Statist erwiesen: Kommissionspräsident José Manuel Barroso . Wenn die Regierungen in den Hauptstädten orientierungslos sind, hätte eigentlich die Stunde des Präsidenten geschlagen. Hätte: Denn in der Debatte um die Zukunft des Kontinents spielt er schlicht - keine Rolle. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.6.2005)