Als in den 90er-Jahren des vergangenen Jahrtausends die Internetbegeisterung um sich griff, die ersten Unternehmen elektronische Handelsstände in Form von Online-Marktplätzen aufstellten, E-Mail-Newsletter der letzte Schrei waren, sprossen auch im Bereich der Medien neue Pflänzchen empor, die im Netz der Netze nicht nur ihre, sondern die Zukunft sahen. In den Printmedien, bis dahin fest verankert in der Gutenberg'schen Tradition des auf Papier gedruckten Worts, ging die Angst um, vielerorts war vom "Zeitungssterben" die Rede.

Dann platzte die große Internetblase, und übrig blieben nur jene, die eines nie aus den Augen verloren hatten: dass zu einer Geschäftsidee auch eine Strategie gehört, die nicht nur das Verdienen eines schnellen Euro (damals noch Schilling) im Hinterkopf hat. Als eines der Paradebeispiele in der österreichischen Medienlandschaft darf hier - nicht ohne Stolz - derStandard.at genannt werden.

Die richtige Mischung

"Zwar hatten wir seinerzeit auch geglaubt, dass sich alles viel schneller entwickeln wird, aber mittlerweile wissen wir, dass zehn Jahre für ein Online-Medium eigentlich keine Zeit ist", blickt Gerlinde Hinterleitner, Geschäftsführerin und Frau der ersten Stunde von derStandard.at, zurück.

Es ist wohl die Mischung aus einer gehörigen Portion Hirnschmalz, knochenharter Arbeit und einer guten Portion Sturheit - "wir haben immer gemacht, was wir für richtig hielten" -, die das seit einigen Jahren selbstständige Medium nicht nur am Leben erhalten hat, sondern inzwischen auch positiv bilanzieren lässt. 2004 wurden mit rund 80 Mitarbeitern vier Mio. Euro umgesetzt, heuer läuft das Geschäft laut Hinterleitner noch viel besser.

900.000 Unique User

Einer der Gründe: Die Werbewirtschaft erkenne zusehend, dass sie über derStandard.at ein recht interessantes und kaufkräftiges Klientel direkt erreichen könne. In Zahlen ausgedrückt sind das etwa 900.000 Unique User, die Monat für Monat auf die umfangreichen Inhalte des Standard.at zugreifen. Tendenz steigend.

Als Online-Medium erreiche man vor allem ein jüngeres Publikum, Nutzer, die mit dem Computer aufgewachsen sind und ihr Informationsbedürfnis privat und im Beruf im Internet abdeckten und gerne auch interaktiv seien. Ein beeindruckendes Zeugnis darüber legen die "Postings" ab, die zu den Artikel abgegeben werden können, die an Spitzentagen schon die Zahl von nahezu 5000 erreicht haben.

Spontaneität

Mitbewerb ist für die derStandard.at-Pionierin kein großes Thema. "Andere Medien weisen zwar mit Inhalten wie simpler Unterhaltung und Spiele mehr Pageimpressions auf, aber wem bringt das was?", stellt sie ganz nüchtern fest. Und auch die immer populärer werdenden Blogs, in denen sich Internetuser als Journalisten betätigen, können mit der bei den Postings zum Ausdruck kommenden Spontaneität nicht konkurrenzieren. (Karin Tzschentke/DER STANDARD; Printausgabe, 18./19.6.2005)