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Wien - Man mag es als pubertäre Verwirrung abtun, doch dem streitbaren US-Regisseur Todd Solondz ist es offenbar ernst damit: Gerade einmal zwölf Jahre alt ist das Mädchen, aber nichts wünscht es sich mehr, als viele Babys zu bekommen. Aviva sucht unbedingte Liebe, und nur Kinder scheinen ihr diese geben zu können. Der Wunsch lässt sie zwar wie einen unbeirrbaren Tor erscheinen. Doch Aviva möchte keinesfalls so enden wie die glücklose Dawn Wiener, die am Anfang von Palindrome bestattet wird.

Letztere war eine der ProtagonistInnen aus Solondz' erstem Erfolgsfilm Welcome to the Dollhouse. Der Querverweis darauf deutet es an: Palindrome stellt einen selbstreferenziellen Zugang zu Themen dar, die in den USA durchaus schwer wiegende politische Implikationen haben.

Die Frage nach dem Recht auf Abtreibung spaltet etwa die Nation. Solondz befasst sich mit ihr, indem er die Fronten durcheinander bringt: Aviva wird schwanger. Ihre liberalen Eltern drängen sie zur Abtreibung, während sie das Kind zur Welt bringen will. Als bei dem Eingriff Komplikationen auftreten, nimmt das Mädchen Reißaus.

Odyssee

Was folgt, ist eine kleine Odyssee Avivas durch die Staaten, bei der sie an ihrem Kinderwunsch störrisch festhält. Sie lässt sich mit einem pädophilen Fernfahrer ein und strandet schließlich im Herzen des konservativen Hinterlands, bei einer christlichen Familie, deren (adoptierte) Kinder alle bestimmte Defekte aufweisen. Wie schon der liberalen Variante gilt auch der reaktionären Solondz' Hohn: Lässt einem die eine keine Wahl, schreibt er in seinen Erläuterungen zum Film, ist für die andere schon alles entschieden.

Palindrome sympathisiert, wie schon vergangene Filme von Solondz, mit sozialen AußenseiterInnen. Betont wird das auch dadurch, dass Aviva gleich von mehreren Schauspielerinnen verkörpern wird, die Alter und Hautfarbe wechseln - wobei keine davon standardisierten Schönheitsidealen entspricht. Ein wenig wie Lars von Trier, ein ähnlich konzeptueller Filmemacher, versucht Solondz politische Fronten zu durchbrechen, indem er unpopuläre Positionen einnimmt: Der Pädophile und die kindliche Mutter bilden bei ihm eine Allianz.

Normen bricht Palindrome aber trotzdem nicht: Dafür bleibt zum einen seine Komik zu unentschieden; zum anderen ist die Erzählkonstruktion zu ausgesucht "clever": Menschen ändern sich nicht, heißt es zuletzt. Die Trope des Palindroms, das vorwärts wie rückwärts gelesen dasselbe Wort bleibt, muss sich also auch dramaturgisch erfüllen. Aviva läuft weg, aber sie kommt immer wieder zu Hause an. (DER STANDARD, Printausgabe, 18./19.06.2005)