Bild nicht mehr verfügbar.

Foto: APA
Das Wirtschaftsblatt "GEWINN" ist bekanntlich das Magazin für den persönlichen Vorteil. Wem der Kauf eines Exemplars Gewinn beschert, liegt auf der Hand; wem die Lektüre persönlichen Vorteil bringt, ist hingegen weniger gewiss. In diese Interessendissonanz hinein platzt "GEWINN" nun im 23. Jahr seines Bestehens mit dem Angebot, seinen Lesern die Wirtschaft zu erklären. Das war aber auch Zeit.

Aus einem GEWINN-Wirtschaftsatlas 2005 endlich und ein für alle Mal zu erfahren "Wie funktioniert Österreichs Wirtschaft?" ist eine erfreuliche Aussicht, eine präzise Erklärung des Schweißes der edelsten Wirtschaftsjournalisten wert. Indes nicht leicht, weil etwas sperrig: Wirtschaft ist ein komplexes Thema, denn sie hat irgendwie - aber nie zentral - mit dem ganzen Leben zu tun. Eine Ahnung, die vermittelt zu bekommen schon ein Gewinn ist. Und diesmal ist der Bann gebrochen. Der GEWINN-Wirtschaftsatlas hat sich diesmal ein ganz einfach zu verstehendes Ziel gesetzt: Ihnen als Leser zu erklären, wie Österreichs Wirtschaft funktioniert.

Obwohl dieses Ziel ganz einfach zu verstehen ist, bedarf es einleitend zunächst einer Pause. So, jetzt kommt eine kurze Pause, um Wirtschaftsexperten - den echten - Gelegenheit zum Protest zu geben: Wie wollen Sie die Wirtschaft erklären, wenn doch gar niemand genau weiß, wie sie funktioniert? Hier ist den Blattmachern zugute zu halten, dass sie nicht mehr geben, als sie haben. Dieser Einwand kommt natürlich zu Recht, und er stützt sich auf einen Mann von unbestrittener Wirtschaftskompetenz. Der Komiker Danny Kaye sagte einmal äußerst pointiert: "In den Wirtschaftswissenschaften werden immer die gleichen Fragen gestellt, aber es sind jedes Jahr andere Antworten richtig."

Dem hat "GEWINN" nichts entgegenzuhalten. Daher erläutert heuer der GEWINN-Wirtschaftsatlas insgesamt 25 Grundfesten der österreichischen Wirtschaft und Gesellschaft in der typischen GEWINN-Aufbereitung: einfach, aber nicht plakativ, aktuell, aber nicht reißerisch. Da gibt es zum Beispiel "Die Weltkarte der Ideologien", die Ihnen näher bringt, was die Konservativen alles von den Liberalen trennt und was Grüne und Sozialisten wo gemeinsam haben.

Was auf der Weltkarte - übrigens die komprimierteste Darstellung für Österreich und Mitteleuropa, die es je gab - die Ideologien voneinander trennt, sind nicht näher benannte Flüsse. Da gibt es ein freies Land der Liberalen mit Silicon Valley, New York und Manchester, es gibt die Steinwüste des Faschismus mit den Wirtschaftsmetropolen Mauthausen und Stalingrad, es gibt den Nationalpark der Grünen mit dem ausgedehnten Ödland der Ökodiktatur, einem Fundi-Paradies, aber auch ein bescheidenes Realo-Country.

Die Eiswüste des reinen Kommunismus, westlich vom Death Valley der Anarchie, enthält neben Kolchosen auch den Archipel Gulag. Südlich davon liegt das Land des Sozialismus, das sich durch ein Gewerkschafts-Hauptquartier auszeichnet, durch die Brücke der Sozialpartnerschaft verbunden mit der Provinz der Konservativen, ihrem Bauerndorf, Erzbischöflichem Palais und der Festung Monarchie. Wer nach einem Blick auf diese Landkarte - einfach, aber nicht plakativ; aktuell, aber nicht reißerisch - nicht verstanden hat, wie die Wirtschaft im Allgemeinen und die österreichische im Besonderen funktioniert, dem ist nicht mehr zu helfen.

Oder höchstens noch mit der Tabelle Die Ideologie dieser Welt, erklärt anhand eines Kuhbauern. In drei Rubriken werden da angeboten je eine Ideologie, deren Definition und eben die Anwendung für kleine Kuhbauern, also für ideelle Leser. Originell etwa die Definition von Marxismus rein: Nach Karl Marx die dem Kommunismus vorausgehende Entwicklungsstufe, die auf gesellschaftlichen od. staatlichen Besitz der Produktionsmittel u. eine gerechte Verteilung der Güter hinzielt.

Ein Marxismus dirty wird nicht erläutert. Man hat bei "GEWINN" ja keine Vorurteile, und die Definition einer Ideologie als Entwicklungsstufe ist dirty genug.

Den Kommunismus gibt es nicht nur rein, also nach Karl Marx, sondern auch in den schmutzigen Entwicklungsstufen als sowjetischer und als Kommunismus in Kambodscha. Ideologien sind für "GEWINN" neben Faschismus und Öko-Faschismus auch Diktatur und Bürokratie, ferner so gefährliche Gedankengebäude wie Repräsentative Demokratie und Demokratie an der Basis. Überraschung: Letztere hält Österreich in ihren Krallen, wird sie doch definiert als eine Staatsform, in der alles Recht vom Volk ausgeht - wie nach unserer Verfassung.

Wer bisher glaubte, in der Ideologie einer repräsentativen Demokratie gelebt zu haben, ist nun vielleicht enttäuscht, wird aber durch deren Anwendung für kleine Kuhbauern entschädigt. Es ist nicht so: Du hast zwei Kühe. Deine Nachbarn bestimmen jemand, der dir sagt, wer die Milch bekommt. Basisdemokratie ist vielmehr: Du hast zwei Kühe. Deine Nachbarn bestimmen, wer die Milch bekommt. So also funktioniert Österreichs Wirtschaft. (DER STANDARD; Printausgabe, 18./19.6.2005)