Wien/München - Allergien nehmen zu. Die Zahl der Diagnosen steigt jährlich um etwa sieben Prozent. Derzeit leiden rund 20 Prozent der EU-Bevölkerung an Allergien, auf Österreich umgelegt sind das 1,6 Millionen Menschen.

"Heilung gibt es keine", erklärt Allergiefachmann Felix Wantke vom Wiener Wilhelminenspital, "wohl aber neue Therapien, die eine deutliche Verbesserung der Symptome bewirken." Eine solche soll diesen Herbst in Österreich zugelassen werden. Entsprechende Studienergebnisse werden beim Welt-Allergiekongress diskutiert, der Sonntag in München beginnt.

Allergien entstehen durch eine übersteigerte Reaktion des Immunsystems auf an und für sich harmlose "Eindringlinge" in den Organismus - so genannte Allergene. Dies sind meist Proteine von Gräsern und Bäumen (Pollen), Lebensmitteln, Tieren, aber auch chemische Substanzen. Eine entscheidende Rolle spielen Immunglobulin-E-Antikörper (IgE): Sie setzen sich auf Immunzellen (Mastzellen) des Allergikers. Sobald der Patient Kontakt zu seinem Allergen hat, bewirken sie die Freisetzung von entzündungsauslösenden Substanzen.

Das Immunsystem von Gesunden bildet normalerweise kein IgE. Mit seiner Bildung reagiert der Mensch im Allgemeinen auf Würmer. Doch in Industrieländern, in denen die Zahl der Allergiker steigt, spielen Wurminfektionen nicht zuletzt aufgrund permanent verbesserter Hygienemaßnahmen kaum noch eine Rolle. So ist es denkbar, dass die Entwicklung dieser allergischen Reaktion ein unglückliches Nebenprodukt in der Evolution der IgE-Antikörper ist, dass sich das Immunsystem mangels Würmer nun eben auf Allergene stürzt.

Generell wird vermutet, dass die Zunahme von Allergien auch mit der Zunahme von Hygiene einhergeht - Studien haben gezeigt, dass Kinder, die in einem allzu sauberen Umfeld wenig Infektionen durchmachen, ein höheres Allergierisiko haben. "Salopp ausgedrückt", verdeutlicht Wantke, "könnte man sagen: Dem Immunsystem ist fad, drum stürzt es sich auf Pollen." Weitere diskutierte Ursachen für die Zunahme: genetische Faktoren, Luftverschmutzung (Feinstaub und Dieselpartikel) und verbesserte Diagnosemöglichkeiten.

Österreichischen Allergikern, die nur schlecht auf die bisherige Immuntherapie (verantwortliche Antigene werden Patienten unter die Haut gespritzt oder unter die Zunge gegeben, damit sich das Immunsystem daran gewöhnt und nicht mehr überzogen reagiert) ansprechen, soll ab Herbst die neue Anti-IgE-Therapie zur Verfügung stehen, sagt Wantke: Der aus Mäusen stammende, aber humanisierte (genetisch für den Menschen verträglich gemachte) Antikörper "schnappt sich IgE und befördert es aus dem Körper hinaus". In klinischen Studien, die in München diskutiert werden, sei es gelungen, mit Anti-IgE die Symptome bei allergischen Asthmatikern drastisch zu bessern. Aber auch bei Insektengift-, Pollen-und anderen Allergikern zeige die Therapie Erfolge. (fei/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 6. 2005)