Paal Flaata
Rain
(Glitterhouse/Hoanzl)

Foto: Glitterhouse

Am Cover wirkt er wie ein an sich selbst und seiner Mission zweifelnder Südstaatenprediger: Mit hochgezogenem Kragen, die Stirn in Falten gelegt, verrät nur das Grübchen an seiner linken Wange, dass er eventuell schon auch etwas zum Lachen hat. Im Keller. Er, das ist Paal Flata und hat eben sein zweites Solowerk veröffentlicht: Rain.

Ein bestechend schattseitiges Werk, das die besten Momente eines Chris Isaak ebenso in sich birgt wie die eines Tex Perkins von Beasts Of Bourbon, The Cruel Sea ... - sollte dieser einmal geläutert aus der Betty-Ford-Klinik entlassen werden. Doch Flaata ist viel mehr als einer dieser zu Tode betrübten Schuhspitzenkiefler, die einem nicht in die Augen schauen können. Kein Kunstleider mit Herzklappenfehler. Das zeigt hier schon der an einen Geisterzug erinnernde Rhythmus von It Will All Come Down, den ein gebeserltes Schlagzeug vorantreibt. Eine Orgel verleiht dem Song Tiefe, während die Gitarre in die Weite weist und Flaata mit zärtlicher Bestimmtheit und ohne falsche Nostalgie den Refrain croont.

Flaata war vor seiner Solokarriere Sänger bei Midnight Choir, einer Band, die zu Hause in Norwegen Superstarstatus genoss und die 2001 mit dem Album Amsterdam Stranded ein Meisterwerk vorgelegt haben. In bis zu acht Minuten langen Stücken wie Harbor Hope (Gänsehaut!) oder Muddy River Of Loneliness wurden Schmerzensschreie und Schönheit miteinander vereint, wie das sonst nur unbedankte Gottheiten wie Mark Hollis und seine Band Talk Talk zu schaffen vermochten. Diesem Monolithen folgte das souveräne Unsung Heroine und zuletzt Waiting For The Bricks To Fall, bei dem dann auch tatsächlich die früheren Talk Talk-Mitglied Lee Harris und Tim Friese-Greene mitwirkten: Harris am Schlagzeug, Friese-Greene verlieh den Streichern die notwendige Wehmut und Erhabenheit. Trotzdem: An Amsterdam Stranded sollte die Band nicht mehr herankommen.

Als Solokünstler mit kongenialer Unterstützung punktgenau spielender Begleiter unterbricht Flaata, einst zum "Sexiest man" seiner Heimat gewählt, die emotionale Schwere seiner Balladen mit eleganten Rocknummern. Die besten Momente des Ausnahmesängers entstehen jedoch immer dann, wenn ihm seine tragende, Würde verstrahlende Stimme am Weg zur flehenden Verzweiflung bricht, wenn er jene überirdisch anmutenden Klagen formuliert, bei denen es einem schlicht die Gänsehaut aufpoppt. Oh, Mann - nur Roy Orbison konnte das noch besser. Ein ganz Großer! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.6.2005)