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James Salter:
Letzte Nacht. Erzählungen.
Aus dem Amerikanischen von Malte Friedrich.
€ 18,50/240 Seiten. Berlin Verlag, Berlin 2005.

Foto: Archiv
James Salters Prosa hat einen suggestiven Ton. Lakonisch, mit großer sprachlicher Ökonomie und präziser Beobachtung legt sie den melan- cholischen Schleier eines Erzählens aus dem Blickwinkel des Scheiterns über die Geschichten. In den besten Passagen entfaltet er eine fast Schnitzler'sche Fin-de-Siècle-Stimmung, eine schwebende Atmosphäre, als berührten die Personen nicht wirklich den Boden, als wögen sie nicht mehr als ihre Erinnerungen und Träume. In Salters Geschichten scheint es immer Herbst und Abend zu sein, er ist ein Meister atmosphärischen Erzählens, und seine Grundgestimmtheit ist die einer müden Trauer, die alles umfasst, aber nicht wirklich wehtut. Seine Figuren sind an einem Punkt im Leben angekommen, wo Erfahrung und Klugheit ihnen nicht mehr helfen, weil es für alles bereits zu spät ist.

So betörend die atmosphärische Dichte, die Vergänglichkeit und tragisches Versäumnis suggeriert, so seicht und oberflächlich erscheinen die Figuren auf den ersten Blick. Es ist die wohlhabende urbane Mittelschicht von New York, die den Sommer auf Long Island am Meer verbringt. Man gibt gepflegte Dinnerpartys, die Häuser sind geschmackvoll eingerichtet, die Räume so elegant und modisch wie die Gastgeber. Nur manchmal lädt man einen ungehobelten Künstler zu den in quälende Affären und langweilige Ehen verstrickten Gästen. Sie führen gewandte, oberflächliche Gespräche mit einem verzweifelten Unterton, und sie sind sensibel genug, ihn wahrzunehmen, aber sie entziehen sich, vermeiden allzu große Nähe und driften am Ende unverbindlich auseinander. Selbst im Angesicht des Todes bleiben sie höflich, unaufdringlich und einsam. Sie lassen das Leben nicht an sich heran und nehmen es hin, dass die Vergangenheit auf ein paar blasse Erinnerungen an gescheiterte Beziehungen schrumpft und vor ihnen die Leere eines illusionslosen, einsamen Alterns liegt. "Sie hatte Kleider für alle Gelegenheiten", heißt es von einer alternden, ins Abseits gedrängten Filmproduzentin, "aber die Gelegenheiten waren wohl vergangen."

Es ist eine Gesellschaft ohne Leidenschaften, die in einem ewigen Jetzt aus genau registrierten Befindlichkeiten lebt, als sei das Leben ein mitunter amüsantes, meist jedoch langweiliges Spiel, das man ironisch distanziert mit einem angemessenen Quantum Alkohol und dem Komfort des Geldes erträgt. So offen Anfang und Ende dieser Vignetten und Episoden auch sind, versucht Salter immer von Neuem den Augenblick zu isolieren, in dem eine Ahnung in die Banalität dieser Existenzen einbricht, wie es hätte sein können, was dem Leben Sinn hätte geben können und zugleich die Erkenntnis, dass es nun zu spät ist. Manchmal ist es der Tod, der den Schein hinwegfegt, manchmal ist es eine Wiederbegegnung mit einem einst geliebten und aus eigener Schuld verlorenen Menschen. Aber es gibt keine zweite Chance, es bleibt nur die vergebliche Sehnsucht nach dem Leben, das vorbeigezogen ist, ohne dass man es zu fassen bekommen hat. Fast immer geht es um Liebe, Verrat, Untreue und Verführung, ein Reigen mit wechselnden Partnern. Es sind funkelnde, schillernde Fragmente eines Kaleidoskops, aber beim Betrachten versäumen die Figuren den richtigen Augenblick zu handeln.

Trotz aller sprachlicher Virtuosität und Schönheit der Details bleibt bei vielen Geschichten dennoch der Eindruck einer gewissen Sterilität, als seien auch die Figuren nur Teil der schönen, traurigen Oberfläche, letztlich unempfindlich für die großen Erschütterungen des Lebens. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.06.2005)