Kurt Aebli, einer der zahlreichen Schweizer Autoren der mittleren Generation, die vorübergehend verschollen waren, meldet sich mit einem erstaunlichen Werk zurück. Notate und Aphorismen, so genannte Kurzprosa, Beschreibungen und Ansichten gelten oft als Verlegenheitslösung in die Sackgasse geratener Erzähler. In Aeblis Fall mehr als zu Unrecht, denn die Sammlung Der ins Herz getroffene Punkt bietet Überlegungen, Reflexionen, "Umgehungen" und zielsichere Formulierungen von großer Eleganz und Souveränität.

Ein Ich, wahlweise auch ein Herr Wellenberg, einmal ratlos und faul, einmal rastlos und umtriebig, wird vorgestellt, durchleuchtet, ausgeweidet, angeklagt, bloßgestellt und - manchmal - mit sich und der Welt versöhnt. Da streift er herum mit dem Auto, pflanzt sich an seine Standorte und bleibt stundenlang sitzen. Es gab solche, "die er so häufig aussuchte, dass er sie ohne weiteres als seine geheime Zweit- oder Drittadresse betrachten durfte". Die Stimmung ist ganz nach dem Wort eines anderen großen Dichters, Günther Eich: "Ich habe ein Postfach, besuch mich da!"

Düsterer, selbstverzweifelter und dabei doch spitz-humoriger Pessimismus: "Er versuchte, sein eigener Schatten zu sein" - ein Motto, das man als helvetischen Ratschlag zum Überleben in einer Gesellschaft nehmen kann, die einmal einer als diejenige von "Nachtwächtern" bezeichnet hat. Geizig sein mit den Wörtern, lakonisch und unauffällig wie ein Mitternachtsschatten.

Davon gibt es einiges in dem Band: Wellenberg stellt sich vor als "mein derzeitiger Standard". Er betreibt "eine Art verzweifeltes Jemand-gewesen-sein- Wollen" in einer Welt von Lemuren. Er zieht den "tödlichen Zwang" nach sich, "etwas an den Tag zu legen, was wie eine ernstzunehmende Neigung aussah". Er entwirft "Terra City", einen globalen Stadtmoloch, in dem "gewollt oder ungewollt alles zweckgerichtete Arbeiten . . . hilft, die alles verschlingende Metropole fertig zu bauen". Ein wenig erinnern Haltung und Visionen Aeblis an den Salzburger Gerhard Amanshauser, der Das Leben der Quaden beschreibt und die List der Illusionen enttarnt.

Eine fordernde, herausfordernde Lektüre also, die Stoff zum Nachdenken und Anlass zum Wiederlesen gibt. Eine Seltenheit. Wären da nicht Aeblis oder des Grafikers Macken, ausgerechnet die flachen Stellen zu unterstreichen, eine sogar durchzustreichen, auf dass wir uns Gedanken machen sollen, was besser und schneller die Delete-Taste erledigt hätte. Ein Lektor hätte wem immer solche Gestaltungsexperimente ausreden sollen.

Dasselbe gilt für das sich unnötig wiederholende Schriftstellerlamento von der eigenen Überflüssigkeit, das ein Autor dieser Stilsicherheit und Prägnanz nicht nötig hat. Und auch für die Ankündigung, Wellenberg verabscheue Überzeugungen, die wir dann aber doch immer wieder vorgelegt bekommen, weil, wie Aebli selbst schreibt, "kein Augenblick vergeht, ohne dass ich mich gezwungen sehe zu urteilen . . ."

Letztlich sind das aber doch Petitessen, die den Wert der meisten ins Herz (und ins Hirn) zielenden Notate nicht beeinträchtigen. Aebli löst den an einer Stelle genannten Anspruch oft mit erstaunlicher Leichtigkeit ein: Kunst als "exaktes Arbeiten mit verschiedenen Formen der Unschärfe". So eignet den Aufzeichnungen tatsächlich eine bemerkenswerte Klarheit und Hellsichtigkeit. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.06.2005)