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Sergej Stanischew, Bulgariens undogmatischer Sozialistenchef.

Foto: AP / Srdjan Ilic
"Ich bin gut ausgebildet", sagt Sergej Stanischew, wenn man ihn fragt, ob er ein Land regieren kann. Stolz wie ein Musterstudent zählt der junge Mann mit der Igelfrisur seine Stationen auf: Promotion mit Auszeichnung, ein Jahr an der renommierten London School of Economics, vier Jahre Leitung einer Partei mit 200.000 Mitgliedern. Wahrscheinlich wird der 39-Jährige nächster Regierungschef Bulgariens, eines zunehmend resignierenden Landes. Auch um dessen einzige realistische Perspektive, den Beitritt zur EU, wird der gut ausgebildete Historiker kämpfen müssen.

Gekämpft aber hat Sergej Stanischew bisher nicht. Am 3. Mai 1966 als Sohn eines hohen KP-Funktionärs und einer russischen Mutter in der Ukraine geboren, genoss er die behütete Jugend eines Nomenklatura-Kindes. Sein Studium schloss er an der Staatsuniversität in Moskau ab. Die Wende des Jahres 1990 erlebten vor allem seine Altersgenossen als ungeheuren Aufbruch, als Explosion ihrer Chancen.

Nicht so Stanischew: Funktionärskinder wurden zu Außenseitern. In der überalterten Sozialistischen Partei sind die Kinder der Sechzigerjahre bis heute "weiße Jahrgänge" - zum Leidwesen besonders der Modernisierer und Reformer. Deren Anführer, der Exparteichef und heutige Staatspräsident Georgi Parwanow, war es denn auch, der den jungen Stanischew zu seinem Nachfolger aufbaute.

Gleich nach seiner Rückkehr aus Moskau 1998 wurde Stanischew, der perfekt Englisch und Russisch spricht, zum internationalen Sekretär seiner Partei und entwickelte deren außenpolitische Linie. Bei seiner ersten Wahl zum Parteichef im Dezember 2001 bekam der Parwanow-Mann nur knapp zwei Drittel der Stimmen - ein Signal der Konservativen. Seither hat Stanischew vor allem Fehler vermieden, wenn auch um den Preis, dass er wenig politisches Profil gewann. "Von ihm gibt es keinen einzigen zitierbaren Satz", sagt der Sofioter Analytiker Iwan Krastew.

Die Rechtsparteien, die in Bulgarien besonders antikommunistisch sind, zeichnen Stanischew als "Marionette" der alten Garde. Gegen die These spricht nicht nur, dass sein Reformvorgänger ihn aufbaute und auch Stanischew selbst sich redlich bemüht, seine Partei als "euro-links", reformorientiert und EU-freundlich zu präsentieren: Der junge Politiker pflegt auch einen ungezwungenen Lebensstil, fährt Motorrad und ist mit seiner Lebensgefährtin, der populären Fernsehreporterin Elena Jontschewa, nicht verheiratet - Umstände, die ihn auch für die liberalen "Rechten" wählbar machen.

Um einen Gag zu landen, ließ Stanischew sich einmal mit dem Spruch auf seiner Motorradjacke filmen: "Wenn Sie das lesen können, ist Elena runtergefallen." Solche Scherze sind nach dem Geschmack der liberalen Jugend. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2005)