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Foto: APA/Gindl
Das war zu erwarten. Hieß es vorige Woche, nach 16 Monaten auf der Flucht: NEWS fand André Rettberg, so musste diese Woche unweigerlich folgen: NEWS bringt Rettberg heim. Beim Finden in Amsterdam war sicherheitshalber Rettbergs Anwalt dabei, der Finderlohn in Form einer berührenden Exklusivbeichte war auch gesichert, also kam es zum Wiedersehen mit Ehefrau Barbara: Nach 16 Monaten konnten sie sich endlich wieder in die Arme schließen. Und anschließend eine humanitäre Sonderleistung des Magazins: NEWS brachte den prominenten Flüchtling mit dem Auto nach Wien.

Es ist wieder eine der Geschichten von Aufstieg und Fall, wie "NEWS" sie mit Vorliebe enthüllt. Gut ist immer: vom Schicksal gezeichnet. Die Hauptperson erinnert äußerlich nur noch wenig an den Menschen, der er früher einmal war, was sich gut anhört, auf Fotos aber kaum auffällt.

André Rettberg, dessen Name Ende der 90er Jahre quasi zu einem Synonym für Erfolg geworden war, der als Österreichs "Wunderkind" der New-Economy-Branche - nicht zuletzt in "NEWS" - gefeiert und 1999 sogar zum Topmanager des Jahres gewählt wurde (in Österreich ist das häufig ein böses Omen) - und der einmal Börsenmilliardär gewesen ist. Der immer Designeranzüge und genagelte Schuhe trug, dessen Hände immer perfekt manikürt, dessen Gesicht immer glatt rasiert war.

2001 begann dieses Bild zu zerbrechen: Als Rettberg mit dem Libro-Konzern eine Pleite erlitt - andere bauen eine Pleite, wer bei "NEWS" niederlegt, erleidet sie -, die danach immer mehr zum Kriminalfall wurde, für die Kripo und die Staatsanwaltschaft, und gegen den schließlich sogar ein Haftbefehl erlassen wurde, auch nicht von der Heilsarmee. Heute trägt er einen Klobrillenbart. Die spektakuläre Story seiner 16-monatigen Flucht hat er exklusiv - logo - "NEWS" erzählt.

Das heißt: So spektakulär war sie auch wieder nicht, aber überaus lehrreich. Der frühere Topmanager fand Beschäftigung in Privathaushalten, "ich strich von früh bis spät Fenster, Türen, Wände - für einen Stundenlohn von vier bis fünf Euro." Brot, Reis, Kartoffeln, "davon habe ich mich ernährt", ausschließlich. "Ich lebte also von nie mehr als zwei bis drei Euro täglich. Am Flohmarkt habe ich Jacken, Hosen, Pullover um jeweils einen Euro erstanden." Ein Held des Neoliberalismus, sowohl als er noch mit der biederen Buchhandelskette Milliarden-Phantasien weckte, als auch danach auf der Flucht.

Es war furchtbar. "Dauernd quälende Alpträume." Davon, dass Polizisten ihn ins Gefängnis stecken wollen. Und die Trennung von der Ehefrau und dem Sohn: "Oft war die Sehnsucht so groß, dass ich sie kaum noch ertragen konnte." Aber es war auch schön. Ein "studentisches Leben, in dem ich so viele sehr gescheite, in bescheidenen Verhältnissen lebende Menschen kennen gelernt habe." Menschen, die ihm die Kraft gaben, durchzuhalten. Das sind Menschen, die er niemals vergessen wird; mit denen er Gespräche hatte, die er davor niemals geführt hat - über den Sinn des Lebens. Und jetzt muss er mit "NEWS" Reportern reden.

Aber die wissen, was sich gehört. Sie können loslassen, wenn Rettberg nach 16 Monaten seine Frau in die Arme schließt, aber nur kurz. Fast eineinhalb Jahre in ständiger Angst vor dem Verhaftetwerden haben den früher mächtigen Unternehmenslenker geprägt. Doch dann hält ihn nichts mehr. Entschlossenen Schrittes betritt er die Fußgängerbrücke, seine Frau tut es ihm gleich - und mitten in Amsterdam, an diesem heißen Samstagnachmittag, fällt sich das Ehepaar endlich wieder in die Arme. Glücklich. Erleichtert. Es gibt so viel zu sagen, zu erzählen. Doch Worte sind jetzt fehl am Platz. Der Moment strahlt vor Glück und Betroffenheit. Die Zeugen dieses Augenblickes spüren den Schauer und verlassen den Ort, als der Sohn zu seinen Eltern stößt. Die Leser dieser Klamotte spüren dasselbe, können aber nicht mehr tun als weiterblättern.

Da stoßen sie auf Tröstliches. Im NEWS-Interview erzählt der frühere Firmenchef erstmals, wie er sein Vermögen verlor. Zunächst die gute Nachricht: Strafrechtlich habe ich mir nichts vorzuwerfen. Das werde ich in Zusammenarbeit mit der Justiz beweisen. Die weniger gute verpackt das Magazin in die Übertreibung: Ganz Österreich fragt sich, wie man ein Vermögen von einer Milliarde Schilling verlieren kann. Damit tut sich Rettberg schwer. Mein Geld ist weg, nachweislich. Mein Problem ist, dass es wirklich so unglaublich ist.

Ein kleiner Trost ist da vielleicht: Die eine Milliarde hat ja nur auf dem Papier existiert. Na dann! Rund 800 Millionen Euro war der hypothetische Wert meiner Libro-Aktien zum Höhepunkt der Kursentwicklung. Fast 700 Millionen Schilling - immer dieses Währungsdurcheinander - waren die 666.900 Libro-Aktien wert, die meine Privatstiftung gehalten hat. Und meine Stiftungsvorstände haben unverständlicherweise keine einzige Aktie verkauft. Womit im Wesentlichen alles erklärt wäre: Daraus resultiert der Großteil jener Schulden, derentwegen ich jetzt verfolgt werde. Das wird noch ein Nachspiel haben. Ganz sicher in "NEWS". (DER STANDARD; Printausgabe, 28.6.2005)