Die im Zweijahresrhythmus stattfindende "European Design Show" des Londoner Design Museums ist eine Bestandsaufnahme. Von Mode und Multimedia hin zu Prototypentechnologie und Produktdesign reichen die gezeigten Innovationen. Gleich am Start der Ausstellung wird man auf ein revolutionäres neues Schwarz hingewiesen, das fünfmal dunkler ist als das herkömmliche Schwarz. Beim Betreten des ersten Raums fällt ein virtuelles Blatt von einem an die Wand projizierten Baum. In Raum zwei setzt man sich auf als kopflose Kühe namens Carla, Else und Radia getarnte Lederfauteuils, um das Cover eines Homer-Taschenbuches von Illustrator Peter Savilles zu betrachten.

Wollte man den Kuratoren eine gewisse Beliebigkeit in der Auswahl der Exponate attestieren, läge man aber falsch. Trotz humorvoller Kuriositäten und Statementstücken kristallisiert sich ein Trend ganz besonders stark heraus: der Versuch, die vermeintliche Dualität von Massenproduktion und Individualismus in eine Symbiose zu verwandeln. Globalisierter Einheitsbrei ist passé, an seine Stelle tritt Design mit Identität. Massenprodukte waren im vergangenen Jahrhundert noch per definitionem standardisiert. Heute ist es aber möglich, "maßgeschneiderte" Massenware zu produzieren. Ganz nebenbei kann man dabei neue Formen kreieren, wie zum Beispiel die Leuchtkörper und Plastikmöbel mit der organischen Optik und dem Hightech-Produktionsverfahren der belgischen Firma Materialise.

"Rapid Prototyping Software"...

... ermöglicht Designern, ohne Hilfe von Technikern oder Modellbauern so lange an ihrer Innovation zu experimentieren, bis sie nahezu perfekt ist. Und wenn sich die Rahmenbedingungen ändern, kann das Produkt ohne Weiteres modifiziert werden. Kurvenberechnungen und Origami-Mathematik verwendet Alber Elbaz zwar nicht, trotzdem hat der Modedesigner das Pariser Traditionshaus Lanvin als durch und durch modernes IT-Label der vergangenen Modesaisonen positioniert. Gleichzeitig bemerkte er eine Übersättigung mit austauschbaren Megabrands und eine Sehnsucht nach Individualismus und modischem Kunsthandwerk mit Haute-Couture-Flair der alten Schule. Ohne dabei Avantgardeambitionen zu unterdrücken - eines seiner ausgestellten Kleider besteht nur aus Bändern, ein anderes hat keine einzige Naht - kreiert er Mode auf dem neuesten Stand der Technik mit Vintage Feel.

Auch die Niederländerin Hella Jongerius stellte einen kollektiven Wunsch nach Gebrauchsobjekten fest, die mehr bieten als nur Funktion und - leicht kopierbare - technische Innovation. Sie spezialisierte sich darauf, Produkte mit Bedeutung und Geschichte zu entwerfen, die geliebt und vererbt werden können. Ihre Keramik für Royal Tichelaar Makkum ist industriell produziert, aber teilweise mit Mal- und Glasiertechniken aus dem 17. Jahrhundert dekoriert und wirkt durch eine postmoderne Mischung aus latent kitschigen Elementen und modernem Design vertraut und ironisch zugleich.

Auch Adrian Fishers Labyrinthe...

... sind oft modernst computer- gestaltet, erinnern aber doch an Mythen und Sagen und adeligen Müßiggang im Schlossgarten. Ein anderer Weg, das Stigma des langweilig durchschnittlichen Einheitswarenproduzenten abzulegen, führte für Firmen wie Rowenta und Krups über das Engagement von Designstars wie Jasper Morrison oder Konstantin Grcic. Beiden Produktdesignern gelang es, der gemeinen Mittelklassekaffeemaschine die Exklusivität, Intelligenz und Präzision zu geben, die sonst nur ein Oberligamodell hat.

Auch Verlagsriese Penguin verfolgte zum 70sten Geburtstag der berühmten Paperbacks eine ähnliche Strategie: Künstler wie Peter Saville oder Julie Verhoeven gestalteten je ein Cover der im Anschluss massenproduzierten und was Ausmaße betrifft streng genormten Geburtstagsserie. Das letzte Ausstellungsstück, Kimi Raikkonens McLaren Mercedes MP4/17D-009, ist als solches zwar nicht massentauglich, steht aber für die perfekte Fusion von Performancecharakter und ikonischer Silberpfeiloptik. Design steht im Dienst von Speed, die 11.000 Einzelteile eines McLaren-Formel-1-Autos werden im Laufe einer Rennsaison so oft umgebaut, dass am Ende rund 70 Prozent des perfekt auf Fahrer und Bedingungen abgestimmten Autos anders sind als bei Saisonstart. Wieder ein Beispiel also für Hyperindividualisierung durch modernste Technik.
(Britta Burger/Der Standard/rondo/01/07/2005)