Allein für die Ankündigung erntete der künftige Vorsitzende der SPÖ derart viel Applaus, dass er diesen Schritt wohl als Erfolg betrachten wird. Der veröffentlichte Text kann aber nur jene zufrieden stellen, deren historisches Bewusstsein nicht weiter als drei Jahrzehnte zurückreicht. Man fühlt sich veranlasst, einen bekannten Ausspruch des politischen Vorbilds Gusenbauers abzuwandeln: Lernen Sie Geschichte, Herr Vorsitzender!

Gusenbauer beansprucht eingangs für seine Partei, immer demokratisch gewesen zu sein und den Nazismus von Beginn an bekämpft zu haben. Maßgebliche Frauen und Männer hätten Widerstand geleistet, seien vertrieben, inhaftiert oder ermordet worden. Die Partei und ihre Funktionäre erscheinen makellos. Nur "politisch entwurzelte Sozialdemokraten" - die oft zitierten kleinen Leute also - seien den "opportunistischen Parolen" und dem "raffinierten Populismus" der Nazis erlegen.

Vedrängte Einsicht

Die dürftige Rhetorik der richtig liegenden Partei und der irrenden Anhänger verschleiert, was von einem anderen Sozialdemokraten, dessen historische Analysen zum Besten gehören, was diese Bewegung hervorgebracht hat, hellsichtig und klar analysiert wurde: Nach dem Pogrom vom November 1938 schrieb Otto Bauer über die Attraktivität des Nazismus und wies darauf hin, dass der Nazismus allen sozialen Schichten Möglichkeiten einräumte, sich auf Kosten der entrechteten Juden zu bereichern - auch den Arbeitern. (Diesen Text findet man bezeichnenderweise nicht in der von einer hochrangigen Kommission betreuten Bauer-Ausgabe.) Bauers Einsicht führt unmittelbar zur zentralen Schwäche der Gusenbauer-Erklärung, nämlich dem beredten Beschweigen der historischen Sünde der Sozialdemokratie: dem Antisemitismus.

Will man Klarheit in die Vergangenheit der SPÖ bringen, genügt es nicht, das Verführungspotenzial der Nazis zu beschwören, sondern man muss in unzweideutigen Worten festhalten, dass maßgebliche Sozialdemokraten mit den gewöhnlichen Nazis den Hass auf Juden teilten. Bei den Nazis legte dieser die Basis für den Massenmord in den Vernichtungslagern, während er bei den Sozialdemokraten nach 1945 zur Billigung eines Resultats der Diktatur führte: Die Juden waren keine Konkurrenten um Führungspositionen mehr.

Manche verbargen ihre Gefühle hinter einem demagogischen Antiintellektualismus, andere hinter der Ablehnung der der Nachgiebigkeit gegenüber den Kommunisten geziehenen "Linken". Einig waren sich die Schärfs, Helmers & Co. darin, dass es besser sei, wenn die Vertriebenen dort blieben, wohin sie der "Faschismus" vertrieben habe. Ihrer gedachte man noch gelegentlich, doch zurückrufen wollte man sie nicht, und wenn einer wie Otto Leichter kam, hielt man ihn von einflussreichen Positionen fern, beleidigte ihn und komplimentierte ihn wieder außer Landes.

In Gusenbauers Erklärung wird das hinter einem Nebel von vagen Formulierungen verborgen. Es war nicht die "Umgebung", die Leichter veranlasste, ein zweites Mal zu emigrieren, sondern etwas viel konkreter zu Benennendes: die Ressentiments jener, die die Nazijahre "im Land" verbracht hatten, gegen die Exilanten, denen vorgehalten wurde, dem Elend entflohen zu sein, eine fremde Staatsbürgerschaft angenommen zu haben und überhaupt nicht mehr so recht hierher zu passen, sofern sie denn überhaupt jemals als Dazugehörige angesehen wurden.

Statt sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, wählte Gusenbauer den einfacheren Weg der "Aufarbeitung des NS-Erbes" - und scheitert notwendigerweise. Es genügt nämlich nicht festzustellen, dass es "bedauerlich" sei, dass ein der Beteiligung an Kindestötungen bezichtigter Psychiater Mitglied der SPÖ war. Eine historische Erklärung müsste sagen, wie es dazu kommen konnte.

Tabuisiertes Kalkül

Hätte sich Gusenbauer dieser Frage gestellt, hätte er darauf eingehen müssen, dass die SP-Führung nach 1945 ganz gezielt auf der einen Seite die vertriebenen jüdischen Intellektuellen an der Rückkehr hinderte und auf der anderen Seite Leute, die ihre Willfährigkeit gegenüber Mächtigen schon einmal demonstriert hatten, einlud, ein Stück des Weges mit ihr zu gehen.

Dazu gründete man eine eigene Organisation, den "Bund sozialistischer Akademiker, Intellektueller und Künstler" (BSA), wo sich ehemalige Nazi-Doktoren und -Ingenieure mit ihresgleichen trafen, und mehr als eine Arbeiterkammer-Abteilung oder Generaldirektion glich bald einer Stabsstelle einer Organisation von vor 1945.

Nicht der Umstand, dass die SPÖ ehemalige Nazis als Mitglieder akzeptierte, sondern dass man sie im Tausch für Stimmgabe und Wohlverhalten unbehelligt an ihren alten Anschauungen festhalten ließ, war die moralisch-politische Schwäche der Nachkriegs-Sozialdemokratie.

Fatale Folgen

An einer schrittweisen Wiedereingliederung der Ehemaligen führte wohl kein Weg vorbei. Was sollte man auch sonst mit einer drei viertel Million NSDAP-Mitgliedern tun? Sie nie zu nötigen, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen, sondern ihnen soziale Anerkennung, beruflichen Einfluss und gute Verdienstmöglichkeiten geradezu aufzudrängen, war folgenreich. Solcherart wurde es nämlich sogar jenen Ehemaligen, die - was ja vorgekommen sein soll - ihrer alten Ideologie ernsthaft entsagen wollten, unmöglich gemacht, sich von den Unverbesserlichen und Opportunisten zu unterscheiden.

Für die SPÖ bedeutete das, wie für alle anderen Parteien auch, jederzeit kompromittierbar zu sein. Das ungustiöse, in Serie gegebene Spektakel "Ich hau' deinen Nazi, wenn du meinen angreifst" wurde dadurch erst möglich.

Es hätte verhindert werden können, wenn wenigstens ein paar ermuntert worden wären, ihre Abkehr von einem anderen Gott, der keiner war, öffentlich auszusprechen. Es stellt jenen, die den Teil der Erklärung, der sich mit Kreisky und Broda befasst, für so wichtig nehmen, dass sie den größeren Zusammenhang, der hier skizziert wurde, nicht wahrzunehmen gewillt sind, kein sehr gutes Zeugnis in Fragen der politischen Analyse aus.

Aber auch der Verfall des öffentlichen Diskurses hat Wurzeln, die weiter zurückreichen als bis zur Regierungsübernahme durch Kreisky.

Der Soziologe Christian Fleck ist zurzeit Fellow am Center for Scholars and Writers der New York Public Library. In diesem Frühjahr erscheint im Campus Verlag eine gemeinsam mit Heinz Berger verfasste Studie über Otto Leichter.