Jerusalem - Ein Aufsehen erregender Fall angeblicher sexueller Belästigung mit tragischem Ende hält Israel in Atem: Yehuda Naveh, Regionalchef einer der größten israelischen Krankenkassen, erhängte sich in einer schmuddeligen Gefängniszelle, nachdem eine Angestellte sich bei der Polizei über ihn beschwert hatte. Der Polizei liegen Videoaufnahmen vor, die nach Medienberichten die Vorwürfe der Frau eindeutig belegen. Der Fall fachte in dieser Woche eine Diskussion über das Thema weiter an, die bereits seit einer ähnlichen Beschwerde gegen Transportminister Yitzhak Mordechai heftig im Gange ist. Soldatinnen: "Sex-Häschen" der Militärs Immer mehr Israelinnen beschweren sich wegen sexueller Nötigung am Arbeitsplatz. Dieser Trend betrifft auch die Armee, die bisher als Brutstätte sexueller Übergriffe gegen Frauen galt. Zwischen 1998 und 1999 beschwerten sich nach Armeeangaben 15 Prozent mehr Soldatinnen als im Vorjahr, 320 Beschwerden gegenüber 280. Bis vor kurzem hatten viele Frauen es als unabänderliche Demütigung hingenommen, von ranghohen Militärs als "Sex-Häschen" behandelt zu werden. "Alle wissen, dass die Generäle und andere hochrangige Militärs sich immer die schönsten Frauen als ihre persönlichen Sekretärinnen aussuchen", erzählt ein ehemaliger israelischer Soldat. Ihre Hauptaufgabe bestand im Tee kochen, Klapse auf den Po galten als "freundliche Geste". Beginnende Sensibilisierung Die nachsichtige Einstellung der Israelis gegenüber solchen Übergriffen scheint sich jedoch zu wandeln. Der bisher bekannteste Fall ist die Beschwerde einer 23-Jährigen gegen den vorübergehend beurlaubten Transportminister Mordechai (55), auch ein ehemaliger Militär. Die Angaben der jungen Frau löste eine Welle ähnlicher Beschwerden von Frauen aus, die behaupteten, während seiner Armeekarriere von Mordechai belästigt worden zu sein. Seit Gesetzesänderung mehr Frauen-Selbstbewusstsein Nach Ansicht von Karmel Eitan, Sprecherin der Frauenorganisation "Na'amat", ist einer der Gründe für den Anstieg der Beschwerden im Zivilbereich die Verabschiedung eines Gesetzes zur Verhinderung sexueller Belästigung am Arbeitsplatz vor eineinhalb Jahren. Seitdem sei die Zahl der Klagen bei ihrer Einrichtung etwa um das Fünffache gestiegen, sagte sie der dpa . "Das Bewusstsein der Frauen ist sehr gestiegen", meint sie. "Leider ist das bei vielen Männern nicht so: Sie belästigen weiter, die Arbeitgeber nehmen das Thema nicht ernst, aber die Frauen sind einfach nicht mehr bereit, zu schweigen." Oft geraten aber die Frauen, die sich beschweren, ins Kreuzfeuer der Kritik. So wurde die Frau, die im Falle des Krankenkassen-Chefs nicht länger schweigen wollte, von den Medien bereits als "Serien-Anklägerin" bezeichnet, weil sie vor drei Jahren schon einmal in einen ähnlichen Fall verwickelt war. Ihre Glaubwürdigkeit wurde von Angehörigen des Selbstmörders massiv in Frage gestellt. "Die Frauen übertreiben wirklich, und jetzt gibt es deswegen sogar schon Tote", schimpfte ein Lastwagenfahrer in Tel Aviv. Die Frau, die verkleidet in einer bekannten Fernseh-Talk-Show auftrat und sich auch in Radio- und Zeitungsinterviews zu verteidigen sucht, meinte: "Das ist doch wirklich eine verkehrte Welt. Ich bin das Opfer, mir wurden gegen meinen Willen schreckliche Dinge aufgezwungen. Und jetzt behandelt man mich wie eine Mörderin." (dpa)