"Unsere Kinder müssen die erhabenen Ideale und Prinzipien des Islams aufsaugen", dekretierte Pakistans General Zia ul-Haq, als er sich 1977 an die Macht putschte und die folgenschwere Zusammenarbeit des Militärs im Atomstaat mit den Islamisten begann. Heute kämpft Staats- und Armeechef Pervez Musharraf – er organisierte seinen Staatsstreich 1999 – mit diesem Erbe.

Dass seine Bildungsoffensive gegen die Koranschulen, die er nach den Terrorschlägen von 9/11 angekündigt hatte, weitgehend im Sand verlief und Musharraf das Islamisten 2. Spalte bündnis Muttahida Majlis-i-Amal (MMA) auf nationaler Ebene mitregieren lässt, zeigt, wie zählebig das Bündnis der Armee mit Pakistans konservativen und über die Jahrzehnte um vieles radikaler gewordenen Islam ist.

Vom britischen Premier Tony Blair wurde Musharraf diese Woche öffentlich ermahnt, gegen die Extremisten vorzugehen. Schließlich waren drei der Bomber vom 7. Juli in London Briten pakistanischer Abstammung, die 2004 nach Pakistan reisten und von dort offenbar bei der Ausführung ihrer Anschläge angeleitet worden waren. Am Donnerstagabend versuchte der Staatschef einen Befreiungsschlag.

In einer Fernsehansprache rief Musharraf die Pakistani zu einem "Jihad", einem "Heiligen Krieg" gegen die Extremisten im eigenen Land auf. Alle Koranschulen müssten sich bis Dezember bei den Behörden registrieren lassen, kündigte er an und verteidigte die landesweiten Razzien der vergangenen zwei Tage, bei denen rund 300 Terrorverdächtige festgenommen wurden. Musharraf verurteilte ausdrücklich die Anschläge vom 7. Juli in London: "Ich glaube nicht, dass man die Täter Menschen nennen kann", sagte er, doch dann wechselte er vom Urdu ins Englische und wandte sich an die Briten. "Es gibt vieles, das Pakistan im Inneren tun muss. Aber darf ich anmerken: Auch in England gibt es viel zu tun." Es sei besser, sich im Kampf gegen den Terrorismus zu unterstützen, als sich "gegenseitig die Schuld zuzuschieben und die gemeinsame Sache zu schwächen".

Die pakistanische Regierung, aber auch die britische Botschaft in Islamabad dementierten am Donnerstag entschieden, dass die Festnahmen in Pakistan in einem Zusammenhang mit den Anschlägen in London stünden. Vor allem die britische Tageszeitung The Times meldete jedoch, gestützt auf pakistanische und westliche Sicherheitsquellen, neue Details zur Verhaftung des mutmaßlichen Drahtziehers der Anschläge, Harun Rashid Aswat, einem 30-jährigen Pakistani mit britischem Pass, in einer Koranschule, 150 Kilometer enfernt von Islamabad. Er soll in den Tagen vor den Anschlägen bis zu 20 Anrufe bei den Bombenlegern getätigt haben. Kurz vor dem 7. Juli oder am Tag der Terrorschläge reiste er aus England ab. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.07.2005)