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Möglicherweise drohen am Küniglberg mehr als 300 Kündigungen. Rechts- und Personalabteilung prüfen den Sommer arbeitsrechtliche Fragen. Auch in der obersten Etage könnte es zu Einsparungen kommen. Ein hochrangiger ORF-Manager sorgt sich um die Zukunft.

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Dunkle Wolken brauen sich über dem Wiener Künigl^berg zusammen, auf die ORF- Mitarbeiter kommen sehr turbulente Zeiten zu. "Wir sind in der paradoxen Situation, dass wir im Vorjahr unsere freien Mitarbeiter anstellen mussten, jetzt werden wir uns von einem Teil der Leute voraussichtlich wieder trennen müssen. Auf längere Sicht ist das alles nicht mehr finanzierbar", sagt ein hoher ORF-Manager, der sich namentlich lieber nicht nennen lassen will, zum STANDARD.

Die Rückgänge bei den Werbeeinahmen und steigende Konkurrenz hätten das Unternehmen "in eine höchst unangenehme wirtschaftliche Situation" gebracht. Aus derzeitiger Sicht werde sich der ORF im nächsten Jahr "in allen Bereichen von mindestens 200 Leuten" trennen; andere, wohl informierte Quellen, sprechen noch von viel mehr – konkret von 324 Mitarbeitern.

Vorschläge für Einsparungen

Tatsächlich haben alle ORF- Direktoren von ihrer Chefin Monika Lindner den Auftrag bekommen, ihre Vorschläge für (Mitarbeiter-)Einsparungen zu erarbeiten, weil, so ORF-Zentralbetriebsratschef Heinz Fiedler, "mehr als 20 Millionen Euro fehlen, davon allein 18 Mio. Euro im Fernsehen". Allein die quotenmäßig angekratzte Information muss im kommenden Jahr acht Mio. Euro einsparen, eine Hand voll Kündigungen steht schon jetzt so gut wie fest. Von einer Kündigungswelle wisse er, Fiedler, freilich nichts: "Ich bin bis dato nicht davon informiert und gehe davon aus, dass die Einsparungen unblutig abgewickelt werden."

Arbeitsrechtliche Fragen werden geprüft

ORF- Sprecher Günther Kallinger weist die konkreten Zahlen als "Tartarengerüchte und viel zu hoch gegriffen" zurück: "Der Einsparungsprozess ist ein anhaltender, die Sparmaßnahmen dürfen aber nur so weit gehen, dass sie erträglich sind und das Programm nicht schädigen." Tatsächlich sind jedenfalls Vorbereitungen im Gange; laut ersten Rechnungen sollen im Bereich Fernsehen bereits jetzt an die 20 konkrete Kündigungen angedacht sein. Auch in allen anderen Abteilungen "werden über die Sommermonate Vorschläge gesammelt", erzählt ein Involvierter, danach werde der Betriebsrat informiert. Derzeit sind Rechts- und Personalabteilung gerade dabei, abzuklopfen, ob die Kündigungen arbeitsrechtlich wasserdicht wären; zumindest die Verträge von ORF-Redakteuren jedenfalls sind gut gepolstert.

Einsparungen auch in der obersten Etage

Auch in der obersten Etage könnte es zu Einsparungen kommen – aber erst nach den nächsten Generaldirektorwahlen. Sollte wieder Monika Lindner im Chefsessel landen, so werden laut ORF-Gerüchten alle Direktoren ausgetauscht, auch der Sessel von Finanzchef Alexander Wrabetz sei nicht mehr sicher. Das Fernsehen soll in eine Direktion zusammengefasst werden, der Onlinedirektor werde ersatzlos gestrichen. Der ORF hat derzeit rund 3700 Mitarbeiter. (Renate Graber/DER STANDARD; Printausgabe, 28.7.2005)