Die Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der EU werden beginnen. Das ist nach der Ankündigung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in London so gut wie sicher. Auch wenn nun wortreich erklärt wird, dass eine Unterzeichnung des Ankara-Protokolls (eines EU-Zollabkommens) noch kein Präjudiz für eine Anerkennung Zyperns durch die Türkei sei. Auch wenn über mögliche Zusatzerklärungen, zypriotische Objektionen, allfällige europäische Regierungswechsel spekuliert wird - mit der offenbar kurz bevorstehenden Unterfertigung des Papiers sind die Bedingungen für die Aufnahme von Verhandlungen erfüllt. Am 3. Oktober wird es ernst.

Das bedeutet auch, dass es nützlich sein könnte, einige in der Türkei-Hysterie der vergangenen Monate diffus gewordene Begriffe wieder zu schärfen: Die Verhandlungen etwa firmieren unter dem Titel "Beitritt". Eine privilegierte Partnerschaft, wie Politiker europaweit zu suggerieren versuchen, steht nicht zur Debatte.

35 Kapitel des EU-Gesetzeskataloges sollen in nationales Recht übernommen und implementiert werden. Das Verhandlungsmandat, das die Union Ende Juni dafür beschlossen hat, ist so streng wie noch nie zuvor bei einer Erweiterung. "Notbremsen" - etwa das Aussetzen der Verhandlung, wenn die qualifizierte Mehrheit von Mitgliedstaaten dies unterstützt - können den Prozess jederzeit zum Stillstand bringen. Dessen Ende ist nicht nur offen, sondern ungewiss. "Der Start der Beitrittsverhandlungen", schreibt Heinz Kramer von der renommierten Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, "wird der Beginn eines neuen Spiels mit nicht festgelegtem Ausgang sein".

Schlechterdings wird dieses Spiel nicht nur zwischen Ankara und Brüssel gemacht. Wer die Ablehnungsraten eines Türkei-Beitritts im jüngsten Eurobarometer ins Kalkül zieht (in Österreich 80, in Deutschland 74, europaweit 52 Prozent), kann die mitunter rabiatpopulistische taktische Positionierung von Politikern im Nein-Lager nachvollziehen. Gleichwohl übersteigen die Konsequenzen daraus die Bedeutung etwa der Herren Nagl, Grasser, Haider oder Strache.

Denn wie immer man zu einem Beitritt der Türkei zur Europäischen Union steht, Beitrittsverhandlungen sind im besten strategischen Interesse ausnahmslos aller Europäer. Ohne den Anreiz eines Beitrittes hätte es dort die Reformen der vergangenen Jahre nicht gegeben. Ohne diesen Anreiz wird es auch in Hinkunft schwierig sein, europäische Sicherheit und zunehmend Prosperität durch eine westangebundene Türkei zu garantieren. Europas Sicherheit entscheidet sich im Nahen und Mittleren Osten, ob es nun dort angrenzt oder nicht.

Europas Wissenschaft und Wirtschaft brauchen junge, dynamische Gesellschaften, die sich nicht überwiegend dem Wahren von Besitzständen verschreiben. Dieses Reformpotenzial Europas haben zuallererst die Türken erkannt. Die gegenwärtige türkische Regierung hat sich Europa nicht nur als einen Fetisch auserkoren, um den Massen wie den Intellektuellen ein großes Ziel zu geben. Sie hat auch überrissen, dass die Annäherung an Europa das beste Vehikel für die Modernisierung des Landes ist - ob es nun in zehn Jahren oder wann immer einen Beitritt gibt oder nicht.

Wenn etwa Außenminister Abdullah Gül erklärt, es sei durchaus möglich, dass die Türken nach Abschluss der Verhandlungen mit der EU doch noch Nein sagen könnten, dann ist das keine Koketterie. Wer sich je mit führenden Mitgliedern von Erdogans AK-Partei unterhalten hat, kann erfahren, dass die Türkei einmal als junge, moderne Regionalmacht, als eigenständiges Scharnier zwischen Okzident und Orient mindestens genauso gut leben könnte wie in den Brüsseler Couloirs der Macht. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.7.2005)