Irgendwann Donnerstagnacht während der wenigen Stunden, in denen der bulgarische Sozialistenchef Sergej Stanischew Premier war, meinte er: "Die unausweichliche Aufgabe der Regierung ist es, den Rückstand des Landes bei der EU-Integration aufzuholen." Wie wahr. Bloß eine Regierung brachte der 39-jährige Historiker dann keine zusammen. Im Parlament in Sofia standen sich die Fraktionen zu feindselig gegenüber. Die Rechte hatte sich darauf eingeschworen, Stanischew nicht zu unterstützen, auch wenn es so zu Neuwahlen kommen sollte.

Die konservativen Parlamentarier mussten sogar trotz geheimer Wahl ihre Stimmzettel vorweisen. Doch Ex-Premier Sakskoburggotski, der nun einen Versuch frei hat, wird es genauso schwer haben, ein Kabinett aufzustellen. Eine Rechtsregierung wäre zudem auf die Partei Attacke angewiesen, deren Chef Wolen Siderow die Parlamentarier als "Schakale, Fettklöße und Horde grunzender Schweine" bezeichnete, Sanktionen gegen Roma forderte, antisemitische Hetze betreibt und Nachrichten in türkischer Sprache verbieten lassen will.

Als vernünftigste Variante gilt eine Zusammenarbeit zwischen den Sozialisten und der Nationalen Bewegung Simeons. Doch beiden scheint ihre Partei zurzeit wichtiger zu sein als die Zukunft des Landes. Denn Neuwahlen würden die Justizreformen verzögern, die Grundlage für ein Ja der EU-Kommission zu einem Beitritt im Jahr 2007 sind. Bisher hatten die Rumänen gehofft, Bulgariens EU-Fortschritte würden sie herausreißen – denn ob Beitritt oder Verschiebung, beides wäre im Länder- Doppelpack gedacht. Das Chaos in Sofia ist nun ein gefundenes Fressen für prinzipielle Erweiterungsgegner. Die notwendige Einstimmigkeit im EU-Rat für eine Verschiebung des bulgarischen Beitritts ist um einiges wahrscheinlicher geworden. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.07.2005)