Eines muss man dem BZÖ lassen: Es macht seinem Namen Ehre, indem es weiter als andere in die Zukunft blickt. Erwecken Altparteien und Grüne zur Zeit den Eindruck, nicht weiter zu denken als bis zum Wahltermin, hält sich der Verein, der vor kurzem noch FPÖ geheißen hat und demnächst vielleicht schon "Liste Haider" heißen wird, von jedem vordergründig taktischen Geplänkel fern und macht sich Sorgen, wie er schon jetzt zum Wohl der Republik im Jahre 2007 beitragen könnte. Etwa mit einer Steuerreform.

Dafür ist es bekanntlich nie zu früh. Interessant daran ist nur, dass der Bundeskanzler von der erst mit Jahresbeginn in Kraft getretenen "größten Steuerreform der Zweiten Republik" schwärmt, die dem BZÖ, das ihm doch beim Regieren hilft, offenbar nicht aufgefallen ist. Aber selbst wenn sie der Masse der Bezieher mäßiger Einkommen angesichts sonstiger Kostensteigerungen auch nicht aufgefallen sein sollte: Dass kaum ein halbes Jahr nach der größten Steuerreform der Zweiten Republik schon die allergrößte unter Dach und Fach gebracht werden muss, ist mehr, als man billigerweise selbst von der besten Regierung, die Österreich je hatte, erwarten kann, wie Kanzler und Finanzminister einhellig versichern.

Zu bewundern ist in diesem Zusammenhang nicht nur der ungebrochene Optimismus der proteushaft sich wandelnden Orangentruppe über das Wahljahr hinaus, sondern auch der feine Humor ihres so genannten Sprechers Uwe Scheuch, der es mindestens so gut wie der ehemalige Sozialminister, Parteiobmann, etc. Haupt versteht, ein angeödetes Publikum mit bodenständiger Beredsamkeit zu erquicken. Er bat den Bundeskanzler, von seiner "Allmacht" Abstand zu nehmen, und das nicht ohne dezenten Hinweis auf das letzte Mal, als dieser in Sachen Steuerreform von derselben Gebrauch gemacht hat - die Situation, so Scheuch, sei noch nicht so dramatisch wie im Jahre 2002, also in Knittelfeld samt den Folgen für die Freiheitlichen.

Das Schwert dieses "Noch nicht", das Damokles Scheuch da über das Haupt des Bundeskanzlers zu hängen hofft, dürfte dieser eher als plumpe Schmeichelei auffassen, muss er doch nicht verdrängen, in welche Wahlergebnisse die Situation von 2002 gemündet ist. Und dass diesmal die andere Seite die Koalition aufkündigt, nur weil ein Koalitionsausschuss, den es gar nicht gibt, uneinberufen bleibt, ist ganz sicher Schüssels geringste Sorge.

Auch wenn er es bedauert, weil es halt so bequem war - dass sich eine Regierungspartei BZÖ, oder wie immer dieses Häufchen dann heißt, in zwei Jahren noch Sorgen machen wird, "welche Maßnahmen 2007 umgesetzt werden sollen", gehört wohl nicht mehr zu seinem politischen Kalkül. Und zu dem der paar Realisten, die es bei den Orangen vielleicht doch gibt, wohl auch nicht mehr. Jörg Haider kann, was immer er trommelt, nicht davon ausgehen, von Wolfgang Schüssel ernst genommen zu werden, wenn er "jetzt atemlos jeden zweiten Tag eine neue Forderung" erhebt.

Hauptzweck dieser Atemlosigkeit ist es auch, im Streit mit der FPÖ die Nase vorn zu haben und den Wählerinnen und Wählern vorzugaukeln, ernsthafte Politik werde eben nur dort gemacht, wo Jörg Haider ist. Dafür nimmt man es auch in Kauf, sich von der ÖVP abschasseln zu lassen, denn zunächst geht es um das blanke bundespolitische Überleben der Haider-Truppe. Dafür tut Haider wieder einmal das, was er am besten kann, er wirft bisher vertretene Standpunkte von einem Tag auf den anderen über Bord, um nicht ein Wählersegment an die FPÖ abgeben zu müssen.

Als "Mutlosigkeit der "herrschenden Klasse" hat er es kürzlich noch verdammt, wenn jemand gegen Verhandlungen mit der Türkei über einen EU-Beitritt war. Nun hat er sich den Mutlosen angeschlossen, um zu retten, was noch zu retten ist. Den bundespolitischen Klassenerhalt beim Mitherrschen wird das ebenso wenig retten wie steuerliche Atemlosigkeit. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.07.2005)