Der Umgangston im deutsch-italienischen Verhältnis war in jüngerer Zeit schon mehrfach ziemlich grob. Premier Silvio Berlusconi empfahl einem deutschen EU-Parlamentarier im Sommer 2003 etwa, eine Darstellerkarriere als KZ-Kapo beim Film anzustreben. Unterstaatssekretär Stefano Stefani sagte dem deutschen Bundeskanzler wenig später öffentlich "mangelnde Intelligenz" nach, Gerhard Schröder strich darauf seinen Urlaub in Pesaro. Und nun verlor Italiens UN-Botschafter in New York jede diplomatische Contenance und hielt eine Wutrede, in der er Berlin unumwunden Erpressung vorhielt. Der Anlass für den jüngsten Ausfall erscheint realpolitisch vergleichsweise nichtig: Sitzen die Deutschen je in einem reformierten UN-Sicherheitsrat, werden sie kein Vetorecht und damit auch kaum mehr Einfluss haben als bisher. Das Problem der Italiener - oder besser: ihrer gegenwärtigen Regierung - allerdings liegt eher auf der symbolischen Ebene. Seit seinem Amtsantritt lässt Berlusconi über alle Kanäle verbreiten, er habe das Ansehen Italiens in der Welt auf höchste Höhen gebracht: Er spiele in einer Liga mit George Bush, Wladimir Putin und Tony Blair. Er diktiere die Agenda in Brüssel, schaffe Frieden im Mittleren Osten, bekämpfe beherzt den weltweiten Terror. In dieser durch die katastrophale Medienkonzentration besonders prächtig schimmernden Kulisse politischer Fiktion nehmen sich wirtschaftlicher Niedergang oder das Zittern vor täglich erwarteten Terroranschlägen einigermaßen erträglich aus. Dass Roms Ruf internationalen Umfragen zufolge tatsächlich so schlecht ist wie nie, dringt kaum je nach Italien durch. Bekäme Deutschland nun einen Sicherheitsratssitz und Italien nicht, wäre Berlusconi in einem gewissen Erklärungsnotstand: Warum bleibt denn ein so geschätztes Land draußen, ja als letzter großer EU-Staat ohne Mandat? Eine gute Frage, deren Entstehen die neue Diplomatie all' italiana verhindern soll. (DER STANDARD, Printausgabe, 30./31.7.2005)