Wien - In der 1805 entstandenen Urfassung für das Theater an der Wien wird Beethovens einzige Oper "Fidelio" am Freitag (5. August) in eben diesem Haus Premiere haben. Drei statt der gewohnten zwei Akte umfasst diese Fassung, die das KlangBogen-Festival nach genau 200 Jahren an ihren Ursprungsort zurückholen will. Mit der neuen alten Partitur hat sich Chefdirigent des Radiosymphonieorchesters (RSO), Bertrand de Billy, auseinander gesetzt.

de Billy: "Ganz naive" Herangehensweise

"Ganz naiv" will Dirigent de Billy an den "Fidelio" herangehen, schließlich hat er das Werk noch nie dirigiert. Besetzt ist Beethovens einzige Oper "mit mehr Leichtigkeit als üblich", so de Billy. Die junge finnische Sopranistin Camilla Nylund hat sich mit einer hochgelobten "Fidelio"-Interpretation gerade auf DVD und CD verewigt hat. Nikolaus Harnoncourt leitete die Aufführung an der Zürcher Oper, die Ende Februar auf den Plattenmarkt kam.

Man darf gespannt sein, wie sich ihr schlanker Sopran mit dem Florestan von Kurt Streit vertragen wird. Der amerikanische Sänger gibt sein Debüt in dieser Rolle. Eine Herausforderung für den eingefleischten Mozart-Sänger, stellt Beethoven doch trotz der zeitlichen Nähe andere Anforderungen als Mozart. De Billy und Streit kennen sich bereits von der "Idomeneo"-Produktion 2003. Das intime Haus liegt Streit auf jeden Fall, wie er im Mai als "Lucio Silla" in Harnoncourts wegweisenden Interpretation unter Beweis stellte. Auf der Besetzungsliste stehen außerdem Peter Rose als Kerkermeister Rocco, Gerd Grochowski als Don Pizarro und Brigitte Geller als Marzelline. G. H. Seebach inszeniert im Bühnenbild von Hartmut Schörghofer.

So "frivole" Stoffe, wie Mozart sie verwendet hatte, kamen für Beethoven nicht in Frage

Eigentlich hätte Beethoven ja ein Schikaneder-Libretto vertonen sollen, doch so "frivole" Stoffe, wie Mozart sie verwendet hatte, kamen für den Komponisten nicht in Frage. So wandte er sich nach einem Direktionswechsel am Theater an der Wien der ernsteren "Revolutionsoper" zu. Die lange, dreiaktige erste Fassung erlebte nur zwei Wiederholungen nach der Uraufführung, und erst nach mehreren Kürzungen und zwei weiteren Fassungen konnte sich Beethoven als Opernkomponist behaupten.

1905 rekonstruierte man in Berlin die Urfassung und seither wird sie auch gelegentlich gespielt, wie etwa 1996 bei den Salzburger Festspielen, wo sich John Eliot Gardiner auf die Quellenarbeit einließ. De Billy hat mit langen Erstfassungen schon Erfahrung. Im vergangenen Oktober studierte er Giuseppe Verdis "Don Carlos" in der fünfaktigen, französischen Originalfassung für die Wiener Staatsoper ein - ein musikalischer Erfolg. (APA)