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Tom Cruise kann die US-Kinowelt diesen Sommer nicht vor halb leeren Publikumsreihen retten.

Foto: REUTERS/ Andrew Cooper/Paramount Pictures/Handout
Batman blickt trübe in die Abenddämmerung; Tom Cruise wischt sich verzweifelt den Schweiß von der Stirn, vor halb leeren Publikumsreihen explodieren digitale Kampfjets, selbst eine Komödie mit Nicole Kidman, voll Spezialeffekte (Bewitched) scheint niemanden mehr wirklich zu interessieren. Der US-Kinosommer, normalerweise gleichzusetzen mit Warteschlangen, Schlagzeilen wie "Exciting!", Superlativen jeder Art – er ist heuer gewissermaßen eine Endlosschleife des Katzenjammers, auf der Leinwand und in den Studios.

Denn während die meisten Filme spürbar daran laborieren, dass sie kurz nach 9/11 geschrieben worden sein müssen, wird an jedem Wochenende der große Kinokassensturz ein ums andere Mal zur historischen Enttäuschung. Nachdem Hollywood jahrzehntelang mit immer neuen Zuschauer- und Einnahmerekorden PR machen konnte, gilt heuer: Jene Saison, die verlässlich und meist höchst profitabel mit monumentalen Katastrophenfilmen bestückt wird, ist heuer selbst ein veritables Desaster. Bis zu elf Prozent weniger Einnahmen als im Vorjahr errechnen heuer die Analysten.

Und wenn man die einschlägigen Kommentare in Branchenmagazinen wie Variety studiert, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren: Vorläufig sind die Studios ratlos.

Weiterhin explodieren die Gagen und Gewinnbeteiligungen für Superstars. Immer länger werden die Listen von Filmen, die – schon vor zwei bis drei Jahren, teilweise für sehr viel Geld gedreht – noch immer nicht ins Kino kommen, damit man sie nicht "verheizt". Galt bis dato die Hoffnung, dass demnächst am DVD-Markt fast noch mehr Gewinne zu machen wären als im Kino, so stellt sich derzeit die Frage: Wie bewirbt man DVDs, denen kein fulminanter Kinoerfolg mehr vorausgeht, und das vor dem Hintergrund, dass die Zeitspanne zwischen Kino- und DVD-Start immer kürzer wird? Last but not least: Das zuletzt so profitable Serienkonzept stößt an seine Grenzen. Nachfolger für den Herrn der Ringe und für Star Wars sind vorerst nicht in Sicht. Selbst Harry Potter schwächelte zuletzt auf der Leinwand spürbar dahin.

Während sich die Großstudios noch durchfretten, fordert der allgemeine Einbruch seine ersten, durchaus spektakulären Opfer im Mittelbau: DreamWorks, von Steven Spielberg, Jeffrey Katzenberg und David Geffen in Rekordzeit hochgestemmt, muss nach dem Flop des Spektakels The Island wohl verkauft werden. Miramax rund um die Brüder Bob und Harvey Weinstein wurde kürzlich ein Studiodepartment von Disney.

Derweilen steigen die Kosten trotz immer weniger vorhersehbarem Erfolg. Die Rechnung, dass man aufgrund der Werbung und der Verleiheranteile das Dreifache von Produktionskosten hereinspielen muss, um überhaupt die Gewinnzone zu erreichen, sie lässt bei durchschnittlichen Budgets zwischen 80 und 120 Dollar schnell den Angstschweiß auf die Stirn treten.

Schon im Vorjahr galten also bevorzugt jene Filme als wirkliche Hits, die auf Low-Budget-Basis die Charts stürmten: Mel Gibsons Passion Christi und Michael Moores Fahrenheit 9/11. Wenn hingegen der Krieg der Welten mit einem Budget von 180 Millionen Dollar gut vier Wochen benötigt, um aus den roten Zahlen herauszukommen, dann wird der Begriff "Erfolg" ein wenig fragwürdig. Erst recht, wenn er – siehe die Krise von DreamWorks – meist mit Koproduzenten geteilt werden muss und jeder Flop das Ende bedeuten kann.

Dass damit das Prinzip "Blockbuster" (Straßenfeger), 1977 mit George Lucas' Star Wars erfunden, just in dem Jahr an seine Grenzen stößt, in dem die letzte Star Wars-Episode in die Kinos kam: eine historische Pointe. So wie damals, 1977, plötzlich Mehrfachverwertung, erhöhte Kopienanzahl, Multiplex-Center Hollywood revolutionierten, so wird heute ein ähnlich drastisches Umdenken notwendig werden. Unübersehbar neigt sich eine weitere Luxusära der Bilder und Erzählungen ihrem Ende zu. (DER STANDARD, Printausgabe, 02.08.2005)