Kam den Zeitgenossen des Architekten richtig "chinesisch" vor: das "Stöhr-Haus" aus dem Jahre 1899 unweit des St. Pöltner Bahnhofes.

Foto: Stadtmuseum St. Pölten

St. Pölten – Die einen kommen in politischem Auftrag in die Landeshauptstadt – und finden im Regierungsviertel die architektonische Moderne vor. Andere treibt ein religiöses Bedürfnis – im Dom empfängt sie bewährter Barock. Doch nur wenige – um nicht zu sagen: praktisch niemand – reisten bisher allein wegen des St. Pöltner Jugendstils an.

Dabei gebe es in der als Industrie- und Einkaufsmetropole verschrienen Landeshauptstadt diesbezüglich einiges zu entdecken, erläutert Thomas Pulle, Leiter des St. Pöltner Stadtmuseums. Etwa in der für nicht motorisierte Reisende besonders leicht erreichbaren, weil nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernten Kremser Gasse 41: "Das so genannte ,Stöhr-Haus' (siehe Foto unten) ist ein Beispiel für radikal umgesetzten Jugendstil", preist Pulle.

Hermann Stöhr war Arzt, sein Bruder, der Maler Ernst Stöhr, Mitbegründer der Wiener Sezession. Dieser vermittelte den Sezessionserbauer Joseph Maria Olbrich nach St. Pölten. Das Haus, welches Olbrich dem Mediziner an den Innenstadtrand stellte, erregte die Gemüter der lokalen Bewohnerschaft.

Mit seinem gebogenen Dachfirst, dem ausladenden Erker und der auffallenden Fassadenbemalung – einer üppig Gewandeten, die einer Schlange aus einer Schale zu Trinken gibt – kam es vielen Betrachtern "chinesisch" vor: "Sie nannten es 'Haus der chinesischen Gesandtschaft'", erzählt Pulle. Doch auch das vom Wiener Architekten Eugen Senal erbaute historistische und mit Ornamenten geschmückte Nebenhaus sei für Jugendstilfreunde interessant.

Ebenso die St. Pöltner Synagoge auf der Dr.-Karl-Renner-Promenade – eines von neun Objekten und Schauorten, die in der neuen, vom St. Pöltner Magistrat herausgegebenen Broschüre "Das goldene Zeitalter. Jugendstil in St. Pölten" aufgelistet sind. Mit ihrer Hilfe und im Rahmen von vorerst zwei Gratisjugendstilführungen will man – so Pulle – "Stadtbewohner wie Touristen auf das andere St. Pölten aufmerksam machen". (Irene Brickner, DER STANDARD – Printausgabe, 5. August 2005)