Der Hafen von Marseille

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Mit dem kleinem Baedeker am Vieux Port. Alles da, alles wie beschrieben: Ein belebtes hufeisenförmiges Stück Hafenrund, das sich alle Mühe gibt, die zwangsläufig früher oder später hier landenden Touristen zum längeren Verweilen zu bewegen. Straßencafé reiht sich an Straßencafé. Krimifüchse können im nahen Café "Samaritaine" einen Pastis auf das Wohl des Schriftstellers Jean-Claude Izzo heben, der das Café zum Treffpunkt seiner Schurken und Kommissare wählte. Mehr Baedeker-Sterne bekommen trotzdem die gewachsenen Fortmauern, und archäologisch Interessierte können nach Resten einer römischen Mole Ausschau halten.

Doch wer, um Himmelswillen, sollte so etwas schon tun! Noch dazu mitten in einer Stadt, deren Bewohner die Zeitläufte der Jahrhunderte als Falten und Nasenspitzen durch die Straßen tragen! Jeder Zweite gleicht dabei einem ganz privaten Gen-Pool in Sachen Mittelmeer, mit Geschichten von Exil und Ausfahrt, die in den Gesichtern eingegraben sind. Auch in den mitunter verlebt wirkenden Zügen der Mutter aller Hafenstädte. Wie ein ockergelber Mittelmeer-Schwamm sog Marseille immer Neues in sich auf: Franzosen, die aus den aufgegebenen Kolonien heimkehrten und nicht selten ihre arabischen Geliebten mitbrachten, zählten dazu.

Später kamen Algerier mit rotem Fes und marokkanische Teppichhändler, maghrebinische Couscous-Koryphäen, und Senegalesen. So viel Exil verbindet, und schafft das nötige Maß an Toleranz, etwaigen politischen Kraftmeiereien zum Trotz. Lohn für Marseilles Offenheit sind nicht nur exotische Märkte wie jener von Cours Julien. Das Bananengelb und Papayagrün der hier verhökerten Früchte geht im lärmenden Farben-Krawall der afrikanischen Kleidermoden kläglich unter.

Scheckig geben sich heute aber auch die umliegenden Häuserfassaden aus der Ära des Fin de Siècle - Teil des soliden architektonischen Erbes einer Stadt, deren einst ebenso eleganter wie tendenziös lotterhafter Prachtboulevard, die berühmte Canebière, mit den großen Prunkstraßen Europas wetteiferte. Dazu braucht es heute freilich etwas Fantasie. Nur ansatzweise stechen die weit verbreiteten Stuckaturen und hölzernen Fensterläden, die schmiedeeisernen Balkönchen und eleganten Portale vom mediterranen Himmelsblau ab, wie an der Rue de la République bei den auf Vordermann gebrachten Stadthäusern.

Marktrapper

Wer am nahen Quai des Belges den ewig langen Tiraden der gestandenen Fischverkäufer lauscht, versteht vielleicht auch ein wenig von der Kontinuität dieser Stadt, die nun mit ihren berühmt gewordenen Rappern à la marseillaise ein brandneues Kapitel moderner Musikgeschichte schreibt. Diese Kunst, trotz großer Schnauze sympathisch und rhythmisch zu bleiben, üben zwischen Tintenfisch, Seeteufel und Möwengekreische eben auch die Fischer. Vom erhöhten Rasen des geschniegelten Parc du Pharo bieten sich die schönsten Blicke auf den Vieux Port und das Zentrum der Stadt.

Doch vor allem ist Marseille ein Ort der Nähe und Intimität. Wer das alte Gassenwerk des nördlich vom Alten Hafen gelegenen Quartier Panier erkundet, findet hier stille, ja mittelalterliche Winkel, an denen ab dem 13. Jahrhundert Ordensleute lebten und sich einst fünfzehn Windmühlen drehten. Heute rotieren höchstens die heißblütigen Einheimischen - etwa wenn man ihnen mit der Kamera zu nahe kommt. Dem Quartier Panier haftet bis auf Weiteres ein gewisses Underdog-Image an, Couscous und Anker-Tatoos inklusive.

Dass in der Gegend gleichzeitig auch Kunstgalerien öffnen, beweist einmal mehr: Marseille ist auch eine Stadt der Dörfer, in denen die große Welt zu Hause ist. Was einem in den ockerfarbenen Gässchen des Quartier Panier dämmert, entdeckt man früher oder später auch an anderen Ecken dieser urbanen "Mittelmeerinsel". Das Vallon des Auffes im Osten ist so ein Fall. Ein Fischerdorf im Pocket-Format hat sich hier in einer Bucht erhalten, komplett mit bunten Booten und dem Duft von Anchovis am Pier.

Kontrastmittel

Wie eine teils billige, teils exklusive Illustrierte blättert Marseille seine widersprüchlichen Seiten vor dem erstaunten Besucher auf: Die Villen und Parks der Reichen wechseln mit den graffitibesprühten Betonwannen eines in ganz Europa berühmten Skate-Parks. Im bergigen Hinterland thront am Boulevard Michelet Le Corbusiers modernistischer Gewaltakt der Cité Radieuse - eine frühe Pioniertat der modernen Architektur der späten 40er-Jahre, deren Mix aus Kühnheit und Menschennähe wohl nur in Marseille denkbar war.

Wir stehen am Dach des Hochhausblocks, sprechen über avantgardistischen Sichtbeton und blicken trotzdem lieber auf das Meer. Wer vom Quai des Belges zum berühmten Château d'If hinausschippert, oder von dort weiter auf die Isles des Frioul, findet klares Wasser und herrliche Strände. Einsam in Marseille - auchdas lässt sich erfahren. Wanderung zur Küste, den berühmten Klippen der Calanques ist angesagt. Von der Universität führt der Weg hinunter nach Sugiton, vorbei am frischen Duft der Rosmarinsträucher, die hier den Asphalt abgelöst haben.

Von den Geschichten des bereits erwähnten Jean-Claude Izzo, der die Schluchten und riesigen Falten der wilden Küste zu einer höchst funktionalen Mafialeichen-Entsorgungszone reduzierte, sollte sich jedenfalls niemand abschrecken lassen. Für viele, die den 30 Kilometer langen, beim Fischerort Callelongue beginnenden Wanderweg Sentier de Grande Randonnée zu den versteckten Kiesbuchten und Panoramapunkten durchziehen, ist der wahre Horror eher die Zivilisation von Cassis, stellt sie doch die unverbrüchliche Endstation eines der schönsten Klippenwege des Mittelmeers dar.

Cassis' pastellfarbener Hafen mit den Touristencafés ist so gesehen auch das Ende der Wildheit einer Region. Die Schritte an den gefährlichen Abbruchkanten der bizarren Calanques und die windzerzausten Ginsterbüsche das Gegenteil davon. Erstaunlich, dass weite Teile davon noch zum Stadtgebiet gehören - und auch wieder nicht. Einmal mehr stellt Marseille so die Ordnung der Dinge ein wenig auf den Kopf.

Am schnellsten kommt man von Wien nach Marseille über Paris: Flüge nach Paris gibt es von Fly Niki ab 38 € pro Strecke, weiter geht es mit dem TGV vom Pariser Gare de Lyon nach Marseille in nur drei Stunden. (Der Standard, Printausgabe 6./7.8.2005)