Wie schnell sich politische Fortune verflüchtigen kann, erlebt man derzeit in Deutschland. Noch vor wenigen Wochen schien nichts mehr Angela Merkel auf ihrem Weg zum Machtwechsel mit der FDP aufhalten zu können. Die Zustimmung für die erste Kanzlerkandidatin und die für die Union war so groß, dass viele in Berlin bereits unkten, eigentlich könne man sich die Wahl sparen und Merkel gleich per Akklamation ins Kanzleramt hieven.

Nun aber hat sich der Wind gedreht - nicht gleich um 180 Grad, aber doch spürbar. Dass Merkel das Land künftig mit der FDP regieren wird, ist längst noch nicht entschieden. Natürlich macht eine Umfrage, die zum ersten Mal seit Monaten weniger angenehme Ergebnisse für das bürgerliche Lager ausweist, noch nicht alle Karrierepläne Merkels zunichte. Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass Merkel schwächelt, während Kanzler Gerhard Schröder offensichtlich entspannt in die Wahlschlacht zieht, weil ihn ohnehin schon jeder abgeschrieben hat.

Gründe, die Kandidatin und ihre Partei nicht mehr in ganz so hellem Licht zu sehen, gibt es. Einerseits rechnen die Deutschen der Union an, dass sie so ehrlich ist und eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von 16 auf 18 Prozent schon vor der Wahl bekannt gibt. Andererseits wissen die Bürgerinnen und Bürger auch, was das bedeutet: Alles wird teurer. Der ersten Euphorie über die Aussicht auf einen Neustart folgte vielerorts die ernüchternde Erkenntnis, dass die von Rot-Grün begonnenen Grausamkeiten unter Merkel nicht aufhören werden.

Die Kanzlerkandidatin selbst irritierte mit der zweimaligen Verwechslung von Brutto- und Nettolöhnen sowie der etwas durchsichtigen Ausrede, ihre knappe Zeit erlaube leider nur ein TV-Duell mit Schröder. Sechs Wochen sind es noch bis zur Bundestagswahl. Ein bequemer Spaziergang mit Rückenwind werden sie für Merkel nicht sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.8.2005)