Bild nicht mehr verfügbar.

Beethoven-Trübnis: Vor provinzieller Kulisse agieren Camille Nylund (Leonore, hinten) und Brigitte Geller (Marzelline).

Foto: APA / Bardel
Mit einer vom Publikum wenig goutierten Produktion der Urfassung von Ludwig van Beethovens "Fidelio" im Theater an der Wien erhielt der diesjährige Klangbogen nicht unbedingt eine tragende Säule.


Wien - Wie das nicht selten so zu sein pflegt, war die Freude auf diesen im Theater an der Wien vorgeführten Ur-Fidelio viel größer als jene nach dessen Finale. Schließlich ist es doch was Schönes, Ludwig van Beethovens einzige Oper am Ort ihrer vor beinah 200 Jahren erfolgten Uraufführung begegnen zu können. Obendrein in jener Fassung, wie sie damals tatsächlich - frei von allen aus theaterpraktischen Rücksichten erfolgten späteren Eingriffen und Umstellungen - gespielt wurde.

Nach Ende des gut gemeinten Unternehmens jedoch wollte die "namenlose Freude", der das endlich vereinte Ehepaar lauthals und nicht unbedingt sehr wohlklingend Ausdruck verlieh, ganz und gar nicht auf das Publikum überspringen. Ganz im Gegenteil. Nicht wenige im Zuschauerraum verliehen ihrem berechtigten Unmut sehr spontan Ausdruck. Boten doch gerade die letzten Augenblicke der Vorstellung tatsächlich nicht den geringsten Anlass zur Freude.

Nicht einmal für den in jeder Hinsicht bedauernswerten Florestan. Regisseur G. H. Seebach orientiert sich nämlich an den neuen Maßstäben der Gefangenenbehandlung, wie sie von den Hütern westlicher Werte in Abu-Ghraib gesetzt wurden, indem er den armen Teufel nackt und blutverschmiert auf allen vieren kriechend an einer Leine vorführen lässt. Nicht genug an dem - auch nach seiner Befreiung durch seine Leonore darf er sich seines Glücks nicht lang erfreuen. Denn schon sind ein paar vermummte Kidnapper da, die ihm ein Tuch über den Kopf werfen und ihn davonschleppen.

Das hat immerhin den Vorteil, dass Florestan dann nicht mehr zu singen braucht, was Kurt Streit als renommiertem Mozart-Tenor die ganze Aufführung hindurch unüberhörbare Schwierigkeiten bereitete. Einer dieser Produktion zugrunde liegenden Schnapsidee zufolge sollte das Protagonistenpaar nämlich mit Vertretern des lyrischen Faches besetzt werden. Zum Glück wurde die auch schon Wagner-bewährte Finnin Camilla Nylund als Leonore durch diese Entscheidung weniger in Bedrängnis gebracht.

Starke Hoffnung

Der Rest der Besetzung ist achtbar und gibt - schönen Gruß an den Intendanten - zur starken Hoffnung Anlass, dass ihr diesmaliges Niveau nicht zum Alltag dieses neuen Operntheaters wird. Wohl sind Brigitte Geller (Marzelline) gemeinsam mit Dietmar Kerschbaum (Jaquino) ein seriös klingendes Buffopaar und Peter Rose als Rocco offenbar ein in den Rezitativen sprachlich noch nicht ganz integrierter englischer Gast mit rundem, wenn auch nicht sonderlich gewichtigem Bass, doch musikalisches Großformat erhält die Aufführung ausschließlich in den leider kurzen Auftritten von Leo Lukas als Minister. Ihm kann auch Gerd Grochowski als ebenfalls etwas zu leichtgewichtiger Pizarro nicht gegenhalten.

Die einzig ungetrübte Freude vermittelte das Radio-Symphonieorchester Wien unter Bertrand de Billy. Allein die in dieser Version am Anfang stehende 2. Leonoren-Ouvertüre vermittelte den erfreulichen Eindruck, dass man sich in Wien im Hinblick auf erstklassige Bühnenorchester den Kopf nicht zu zerbrechen braucht - so perfekt glückte auch die dynamische und rhythmische Abmischung zwischen Bühne, dem bestens vorbereiteten Schoenberg Chor und Orchestergraben.

Doch alle diese Qualitäten konnten den Mief selbstzufriedener Bescheidenheit nicht hinweggeigen oder -blasen. Das lag auch am glanzlosen Bühnenbild Hartmut Schörghofers und der nicht eben suggestiven Personenführung durch den Regisseur. Nicht wenig zu diesem Duft der Dörflichkeit trägt auch das Programmheft bei. Bekommt man auf dessen erster Seite wie zu Roda Rodas Zeiten nichts anderes zu lesen als die Namen des Intendanten und seiner Ehrenschützer Häupl und Mailath-Pokorny. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.8.2005)