Junichiro Koizumi hat voll auf eine Karte gesetzt. Und der japanische Premier brachte sich damit um alles, wofür er stand. Er trug sein Prestigeprojekt, die Privatisierung der japanischen Post, des weltgrößten Finanzinstituts, mit Sturheit zu Grabe. Das Oberhaus im Parlament - und damit ein Teil der eigenen Liberaldemokratischen Partei (LDP) - folgte dem Parteichef in seinem Reformeifer nicht. Koizumi rief daraufhin Neuwahlen aus. Um in nächster Zeit innenpolitisch etwas bewegen zu können, ist das Loch, in dem Japan sich jetzt befindet, zu tief.

Die LDP muss fürchten, nicht mehr die "sichere" Mehrheit bei Wahlen zu erringen, wie das seit fünf Jahrzehnten der Fall war. Es könnte sogar sein, dass die Neinsager zur Postreform eine eigene Partei gründen. Die Demokratische Partei Japans (DPJ) als bisherige Opposition führt Freudentänze auf, weil sie sich im Sturm nach oben getragen fühlt. Der bisherige Koalitionspartner New Komei-to gibt sich schon jetzt flexibel: Man schlösse auch mit der DPJ eine Koalition. Japan würde dann von Politikern geführt, die so gut wie keine Regierungserfahrung haben.

Wie die dringend anstehende Reform des Pensions- und Gesundheitswesens sowie die Konsolidierung des Budgets gelingen sollen, überfordert die Vorstellungskraft selbst erfahrener Beobachter. Niemand weiß, wie die Wähler reagieren werden. Die Unsicherheit im Inneren wird jene nach außen verstärken. Japan möchte trotz schwindender Aussichten einen Sitz im Sicherheitsrat der UNO. Anstatt sich mit dem erstarkenden Nachbarn China zu arrangieren, geht man mit unbedachten Sprüchen gerne auf Konfrontationskurs. Ein Verhalten, das auch Südkorea immer wieder zu spüren bekommt.

Japan steht vor der Chance eines Neubeginns, und man muss Koizumi zugute halten, dass er dem Land Reformwillen eingeimpft hat. Seiner Sturheit ist es aber auch zu verdanken, dass die Impfung womöglich nicht mehr wirkt. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.8.2005)