US-Regisseur Tim Burton findet mit seinem jüngsten Film zu alter Form zurück und erzählt ein berückendes Kinomärchen für alle Altersklassen: "Charlie und die Schokoladenfabrik" mit Johnny Depp als Willy Wonka.

Wien – Der Sohn eines Zahnarztes, dem als Kind jedwede Süßigkeit verboten war, hat sich einen Lebenstraum erfüllt und ist Chocolatier geworden. Jahre später ist Willy Wonka (Johnny Depp), Held aller Kinder und begnadeter Kreateur von Zuckerwerk, von der Welt enttäuscht und hat sich in seiner Fabrik eingebunkert. Trotzdem beschließt er irgendwann, fünf Kindern, die ein in Schokoriegeln verstecktes goldenes Ticket finden, einen Tag lang Einlass in sein Refugium zu gewähren.

Der Sohn eines Zahnpastafabrikarbeiters hat sich aus fehlerhaften Verschlusskapseln ein Miniaturmodell der Schokoladenfabrik gebaut: Charlie Bucket (Freddie Highmore), der mit Eltern und Großeltern ein windschiefes Häuschen bewohnt, wünscht sich nichts sehnlicher, als eines der Tickets zu finden. Der Weg dorthin ist beschwerlich, aber weil Charlie aus einer ebenso armen wie herzerwärmend liebevollen Familie kommt, erhält er schließlich seine Chance.

Gemeinsam mit vier Altersgenossen – einem autistischen Computerkid, einem Vielfraß, einer herrischen Millionärstochter, einer ehrgeizigen Kaugummikau-Rekordhalterin – und deren erwachsenen Begleitern wird er ins Innere der Fabrik vorgelassen und erlebt dort Erstaunliches.

Tim Burtons Adaption ist die zweite Verfilmung eines Roald-Dahl-Kinderbuchklassikers aus den 60er-Jahren. In Zusammenarbeit mit Henry Selick hat Burton 1996 bereits Dahls James and The Giant Peach fürs Kino umgesetzt. Der britische Autor und der US-Regisseur passen gut zusammen, weil sie beide nicht zu jenen Menschen gehören, die meinen, man müsse Kindern die Welt als Idyll aufzeichnen. Lieber verpacken sie ihre durchaus realistische Weltsicht in fantastische, düster umwölkte und doch optimistische Geschichten.

Verschwenderisch

Burtons Kino ist dabei verschwenderisch, detailverliebt, bildversessen. Und mit Charlie und die Schokoladenfabrik ist ihm nach eher mediokren Werken wie Big Fish oder auch Planet der Affen nun endlich wieder ein Film gelungen, der an Sternstunden wie Batman, Edward mit den Scherenhänden oder Nightmare Before Christmas erinnert.

Burton ist ein eigenwilliger Geschichtenerzähler. Auch Willy Wonka taucht zuerst als Figur in einer Erzählung auf, lange hält ihn der Regisseur hinter bunten Riesenlollis oder im Halbdunkel verborgen. Charlies Großvater, einst Angestellter der Schokoladenfabrik, erzählt herrliche Anekdoten vom aus Schokomasse gebauten Palast eines indischen Fürsten, der in der Sonne schmolz, oder von zarten Schokovögelchen, die aus kleinen Eiern schlüpfen.

Ebenso liebevoll werden später die jeweiligen Ticketgewinner eingeführt. Jedem der Kinder ist eine kleine böse Musicalnummer zugedacht. Die kleinwüchsigen Oompa-Loompas, die die Kakaobohne verehren und für Wonka arbeiten, treten darin zum Beispiel als klassische Musical-Chorus-Line an und Burton zitiert Esther Williams' extravagante Wasserballette und lässt dazu knallbunte Carmen-Miranda-Exotik auferstehen. (An dieser Stelle sollte auf Burtons Hauskomponisten Danny Elfman hingewiesen werden, der den Oompa-Loompas diesmal auch seine Singstimme leiht.)

Charlie und die Schokoladenfabrik ist also ein Film für Kinder und für Erwachsene, reich an (filmhistorischen) Zitaten und an Wortspielen: Der Schlagrahm wird tatsächlich verhauen, Mike Teavee heißt das US-Kind, das seine Zeit vorm Fernseher und mit Ego-shooter-Spielen verbringt.

Über die zeitlose Geschichte legen sich also fortwährend feine zeitgenössische Anspielungen. Auch der Umstand, dass die Zahnpastafabrik dank des beständig steigenden Schokoladenkonsums satte Gewinne macht und im Zuge von damit möglichen Rationalisierungsmaßnahmen nicht nur den Vater vor die Türe setzt, kommt einem irgendwie bekannt vor.

Nicht nur der Zusammenhang zwischen Zahnarzt, Schokolade und Zahnpasta spielt hier eine Rolle, sondern auch die hintergründige Ambivalenz, die in der Verführung von Kindern zu Naschereien angelegt ist – schließlich erinnern Johnny Depps Kostüm und Maske sicher nicht von ungefähr an den Herrn der Neverland-Ranch.

Ein großes Geheimnis bleibt hingegen, weshalb dieser klassische Weihnachtsfilm, in dem es aus Staubzuckerstreuern schneit, im Sommer in die Kinos kommt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.8.2005)