Salzburg - Für Adolf Hitler gab es Festspiele nur in Bayreuth. Jene hingegen, die seit 1920, von Max Reinhardt mitbegründet, in Salzburg stattfanden, waren ihm zuwider. Der jüdischen Künstler, die das Festival prägten, und der Allianz mit dem Katholizismus wegen, die im Jedermann am Domplatz ihren augenscheinlichsten Ausdruck fand.

Des Führers Kampf gegen das österreichische Konkurrenzfestival, gleich nach der Machtübernahme in Deutschland 1933 aufgenommen, beschreibt der Wiener ORF-Dokumentarfilmer Andreas Novak überaus detailliert in seinem Buch Salzburg hört Hitler atmen: Am 27. Mai 1933 wurde die Tausend-Mark-Sperre über den verhassten Ständestaat verhängt. Jeder Reichsdeutsche musste, wenn er nach Österreich reisen wollte, ein "Strafgeld" in der Höhe dreier durchschnittlicher Monatslöhne entrichten. Die Sanktion schwächte den Tourismus - und besonders die Festspiele: Die Zahl der deutschen Gäste sank von 15.700 im Jahr 1932 auf 900.

Zudem ließ Hitler z. B. am Tag der Festspieleröffnung Flugzeuge, die den Luftraum verletzten, Propagandamaterial über der Stadt abwerfen. Denn Reinhardt präsentierte 1933 seine Faust-Inszenierung, erstmals wurde mit Tristan und Isolde eine Wagner-Oper gespielt - dirigiert vom verfemten Bruno Walter.

Bombenanschläge

Im Jahr darauf gefährdeten Bombenanschläge das Festival. Und viele Künstler wurden "gebeten", von einer Mitwirkung Abstand zu nehmen. Wilhelm Furtwängler fügte sich genauso wie Hans Pfitzner und Richard Strauss, der um Tantiemen und Reputation fürchtete. Doch in die Knie zu zwingen vermochte Hitler mit dem Künstlerboykott die Festspiele nicht.

Ganz im Gegenteil. Denn viele Künstler, aus rassischen oder politischen Gründen mit Berufsverbot belegt, mussten aus Deutschland fliehen. Sie fanden - zumindest temporär - in Österreich Heimat. Und Arturo Toscanini, der sich geweigert hatte, im faschistischen Italien aufzutreten, beendete mit Hitlers Machtergreifung auch sein Engagement bei den Bayreuther Festspielen: Von 1934 an dirigierte er in Salzburg; sein Weltruf internationalisierte das Publikum, immer mehr ausländische Radiostationen übertrugen die Konzerte.

Die Einnahmen aus dem Kartenvorverkauf erhöhten sich allein von 1935 auf 1936 von 121.000 auf 570.000 Schilling. Die nun Bayreuth überlegenen Festspiele wurden, so Novak, "das in die Welt getragene Symbol für die nationale und kulturelle Unabhängigkeit" des austrofaschistischen Österreich.

1938 war es damit schlagartig vorbei. Toscanini sagte sofort seine Mitwirkung bei den Festspielen ab. Glück im Unglück hatten Max Reinhardt und Bruno Walter: Der Regisseur war, als die Truppen einmarschierten, in den USA, der Dirigent in Amsterdam. Das Angebot einer "Ehrenarierschaft" lehnte Reinhardt ab: Er wollte nicht den "Alibijuden" des NS-Systems spielen.

Kraft durch Freude

Viele internationale Künstler blieben dem Festival fern, andere waren unerwünscht: 1938 debütierte Karl Böhm, es kam zur "braunen Revolution der Mittelmäßigen", der Jedermann wurde gestrichen. Beim Opernspielplan erschöpfte sich die Kreativität in der konsequenten Kopie des Verachteten: Von zehn Produktionen des Jahres 1937 wurden sechs übernommen. "Die Nationalsozialisten waren in Salzburg in der absurden Situation, eine Tradition zu diskreditieren und sie trotzdem fortzuführen, sie zu verleugnen und ihr zu folgen", schreibt Novak. Um dem Besucherschwund entgegenzuwirken, karrte die NSDAP-Freizeitorganisation Kraft durch Freude Abertausende Deutsche nach Salzburg. Die Folge war ein beachtliches finanzielles Defizit.

1939 ließ der für die Festspiele zuständige Propagandaminister Joseph Goebbels das "architektonisch entartete" Festspielhaus von Clemens Holzmeister in ein Rokokotheater verwandeln und die Fresken von Anton Faistauer abnehmen. Im August besuchte Hitler zwei Vorstellungen.

Dann begann der Zweite Weltkrieg. 1940 gab es bloß einen "Musiksommer", ab 1941 füllte Goebbels die Zuschauerreihen mit Soldaten. 1943 durfte nur mehr Bayreuth das Wort "Festspiele" verwenden. 1944 erfolgte die Absage im Namen des "totalen Krieges": Statt einer glorreichen Uraufführung der Strauss-Oper Die Liebe der Danae gab es lediglich eine Generalprobe ... (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.8.2005)