Brüssel - Es sah alles so schön aus: Im Juni einigten sich die EU und Peking im Streit um die Einfuhrschwemme chinesischer Textilien. Die Importe von zehn Produkten, vom T-Shirt über Blusen bis zum Büstenhalter, wurden bis 2008 begrenzt. Aber nach genau zwei Monaten ist der Friede vorbei.

Die Einfuhrquote für das laufende Jahr ist bei Hosen mit 316 Millionen Stück und bei Pullovern mit 181 Millionen Stück ausgeschöpft. Und, was fast noch schlimmer wiegt: Die Importquoten spalten die europäische Branche - und damit möglicherweise auch bald die Mitgliedstaaten.

Der EU-Kommission fehlt der Überblick, wie viel Ware derzeit in den Häfen der EU festgehalten wird, weil die Quoten erreicht sind. Millionenwerte hängen beim Zoll fest, heißt es. Es fehlen auch verlässliche Prognosen, ob Verbraucher demnächst vor leeren Ladenregalen stehen und ob die Preise nach oben gehen - bei den China-Exporten geht es immerhin um erhebliche Mengen.

Brüssel ist zu Flexibilität bereit. So soll Ware auf die Quoten für das kommende Jahr angerechnet werden. Aber dann fehlen die Mengen im kommenden Jahr. Die Europäer haben sich vor dem Import aus dem riesigen Boomland in Asien geschützt - und sitzen nun in der Zwickmühle.

Importeure sauer

Der britische Handelskommissar Peter Mandelson macht den Handel für die verfahrene Lage verantwortlich. Händler aus der EU und China hätten Pullover und Hosen im großen Mengen verschifft, um diese noch rechtzeitig vor Erreichen der Importquoten in Europa anzulanden. Seitens des Handels wird bemängelt, die Belange von Importeuren seien nicht ausreichend berücksichtigt, die ihre Waren schon Monate vor dem EU-China-Abkommen bestellten.

Aus Deutschland werden die Klagen über die EU-Quoten immer lauter. Industrie und Handel befürchten Verluste und Umsatzausfälle in dreistelliger Millionenhöhe. Millionen Bekleidungsteile, die nicht eingeführt werden können, müssten bei chinesischen Lieferanten bezahlt werden, lautet der Vorwurf.

Die deutsche Branche, die nach einem schmerzhaften Strukturwandel ihre Ware zu einem überwiegenden Teil im Ausland einkauft, wollte die Importquoten im Frühjahr nicht. Die deutsche Bundesregierung zeigte sich aber mit EU-Ländern wie Italien und Spanien solidarisch, deren Textilunternehmen nicht auf die Importflut aus China vorbereitet waren.

Seit Jahresbeginn waren bisherige Beschränkungen im internationalen Textilhandel gefallen. Vor allem Italien und Spanien drängten Mandelson zum Handeln. Laut Diplomaten könnte die explosive Lage im Textilsektor auch die - bisher weit gehend geeinigte - Front der Mitgliederstaaten gegen die China-Importe bald ins Wanken bringen.

Die deutlich erhöhten Textillieferungen Chinas lösten bei EU-Mitgliedsländern Sorgen über die Auswirkungen auf Industrie und Jobs aus. Die europäischen Einzelhändler befürchten dagegen, dass die neuen Quoten zu Lieferengpässen in der Herbst-Winter-Saison führen könnten.

Allein der deutsche Modeverband GermanFashion spricht von Millionen-Einbußen bei deutschen Textilunternehmen, sollte die EU nicht ihren Importstopp für Pullover aus China aufheben. (Christian Böhmer/dpa, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.08.2005)