Der schiefergraue Hirtenort Papigo, seit den 70er-Jahren geschützt und renoviert, zieht nun zunehmend Wanderer an.

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Dunkelblaue See, frisch durchsalzen ist die laue Luft. Und im Rücken: das Glitzern der aufgedonnerten Sisi-City. Vom Dunst gnädig durchweicht, liegen Burg und Promenaden am Horizont brach. Doch dorthin, nach Korfus Kerkyra, blickt jetzt kaum jemand zurück. Zu nah ist die Igoumenitsa-Fähre mit jedem Schiffsschrauben-Quirl bereits an das Festland herangerückt.

Lachsrosa Wolken und ein spiegelglattes Meer nehmen den Kahn noch ein wenig in die Mitte, doch die wahre Attraktion liegt steuerbord voraus. Es ist die stetig ansteigende Festlandtreppe zum legendären mittelgriechischen Píndos-Gebirge: ein 250 Kilometer langes, steiniges Rückgrat der Antike, mit zweihundert Gipfeln, die bis auf 2837 Meter Höhe ansteigen.

Mehr Niveau hat, einen Karten-Fingerbreit weiter rechts sitzend, nur mehr Papa Zeus am Olymp. Igoumenitsa ist so gesehen ein Durchlaufposten, die Reflexion einer Stadt in öligen Schimmern des Hafenbeckens. Doch nur eine Autostunde später hat sich das Kräuseln der Wellen in eine kurvige Bergstraße verwandelt, und das letzte Brummen der Fähre ins Rauschen glasklarer Bäche. Geplant war der Abstecher ins Herz der Epirus-Provinz als Flucht vor dem überlaufenen Korfu. Nicht mehr als das, und plötzlich doch so viel mehr: Denn der Stairway to Zagória, der sanft ansteigende Trip entlang Hellas grüner Route 45, gerät mit jeder Serpentine zur Reise in ein Griechenland, das man so nicht unbedingt ahnt.

Mäandrierende Flüsse und zunehmend dichtere Schwarzkieferwälder tauchen nördlich der Kreisstadt Ioánina auf, wenig später prägt das raschelnde Laub der Platanen die Wasserscheide zwischen dem Ionischen Meer und der Ägäis. Aber nicht nur. Bald glänzen nämlich auch die ersten grauen Schieferdächer der Zagória-Dörfer im metallischen Licht.

Zagória ist slawisch und bedeutet "das Land hinter den Bergen". Da ist etwas Wahres dran, auch wenn die Übersetzung ebenso gut "Land im Dornröschenschlaf" lauten könnte. 46 Dörfer dürfen sich heute mit diesem Attribut schmücken - wohl wissend, dass es sich dabei längst um ein touristisches Label handelt.

Markant ist dieses Filetstück der lange Zeit übersehenen Epirus-Region in der Tat: Ein Stück pures Mittelalter tut sich hier, hart an der albanischen Grenze auf, und auf den ersten Blick wähnt man sich im Jura oder im Tessin. Steinerne Bogenbrücken führen über türkisgrünes Schmelzwasser. Mönchsklausen ducken sich unter mächtigen Baumkronen.

Zu besonders intakt gebliebenen Zagória-Orten zählt auch Papigo, ein Weiler, den man aus einiger Entfernung leicht übersieht. Allzu perfekt schmiegt sich das graue Gestein der Häuser gegen die imposante Gebirgswelt des Timfi-Berges, selbst die Post verzichtet hier aufs knallige Gelb.

Graue Steinmauern umsäumen kleine Gemüsegärtchen, in denen sich Dille, Dahlie und Distel gute Nachbarn sind. Aus denselben groben Schieferklötzen sind Kirchturm, Viehtränke und Brunnen gesetzt. Rankende Winden und flatternder Huflattich allerorts.

Aber ob Taverne, Wohnhaus oder Shop? Das verrät oft erst der Blick hinter die dicken Holztore zu den Innenhöfen, in denen sich Papigos Alte nun über heimgekehrte Enkelkinder und das junge Grün der in den Stein gekrallten Feigenbäume freuen. Der Aufschwung kam allmählich, denn lange Zeit schien die steinerne Welt der Zagória dem Untergang geweiht. Oder zumindest dem Fortschritt, was für das schiefergraue Hirtenbiotop aufs Gleiche rauskam. Selbst in den späten Siebzigerjahren, als auch Papigo bereits geschützt und allmählich behutsam restauriert wurde, wollte noch kaum jemand an die Zukunft dieser archaischen Bergdörfer glauben.

Eher schienen die Dichterworte des griechischen Nobelpreisträgers Odysseas Elitis, der sich während der Partisanenkämpfe hierher verirrte, wie dunkle Winterwolken über der Zagória zu schweben: "Die mönchischen Felsen mit kaltem Haar / schneiden schweigend das Brot der Ödnis entzwei."

Doch plötzlich ist alles anders. Aus der Ödnis und den mönchischen Felsen wurde die Rarität einer eben nur fast versunkenen Welt, die heute vorwiegend griechische Urlauber anlockt. Offener Kamin, Webteppich, originale Holzmöbel machen den Aufenthalt in den restaurierten Steinhäusern - die meisten stammen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts - angenehm.

Nachfrage an Steinschindeln nach circa hundert Jahren Flaute: rasant steigend. Die steinernen Bogenbrücken der Gegend und die an den Ufern entlangführenden Saumpfade machen die Region zu einer der schönsten Wandergegenden Griechenlands. Und in den Schluchten des angrenzenden Vikos-Aóos-Nationalparks, des zweitgrößten des Landes, der mit der 600 Meter steil abfallenden Víkos-Schlucht den angeblich tiefsten Canyon der Welt aufweist, genießen Braunbären, Luchse, Wölfe und Adler eine märchenhafte Zeit.

Service:
Griechische Zentrale für Fremdenverkehr
Opernring 8, 1010 Wien
Tel.: 01 / 51 253 17

(Der Standard/rondo/12/08/2005)