Wien - Weiterhin scharfe Kritik an den von führenden österreichischen Ärzten festgestellten Finanz-Engpässen für die Spitzenmedizin gab es am Donnerstag. Die österreichische Ärztekammer forderte mehr Mittel für die Versorgung der Patienten, die Situation sei "in höchstem Maß beschämend", hieß es. Der Wiener Kardiologe Univ.-Prof. Helmut Glogar betonte Probleme in der interventionellen Kardiologie, wo Österreich zum Teil schlechter als Länder wie die Schweiz und Portugal dastünde.

Brauner kritisiert Rauch-Kallat

Wiens Gesundheitsstadträtin Renate Brauner (S) kritisierte Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat (V). Der Chef des Wiener AKH, Univ.-Prof. Reinhard Krepler, betonte die positive Entwicklung der Medizin. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache forderte gar ein Storno der Eurofighter-Beschaffung und dafür eine Geldspritze für die Krebsmedizin.

In höchstem Maß beschämend

Der Präsident der Österreichischen Ärztekammer, Reiner Brettenthaler, betonte es sei "in höchstem Maß beschämend für den Sozialstaat", dass die Budgets für optimale Krebs-, Diabetes-, Herz- oder Rheumatherapien nach dem Letztstand der Medizin in den Spitälern offensichtlich nicht ausreichten. Brettenthaler: "In einem so wohlhabenden Staat wie Österreich sollte nicht der leiseste Zweifel aufkommen, dass Schwerkranke die modernsten Therapien erhalten. Die Gesundheitspolitik ist angehalten, für angemessene Budgets zu sorgen und sich nicht mit fadenscheinigen Argumenten aus der Verantwortung zu stehlen." Laut Ärztekammer sind Kontingentierungen im Gesundheitswesen ein Deckmantel für Leistungskürzungen.

Probleme in der Kardiologie

Probleme gibt es offenbar auch in der Versorgung von schwer kranken Herzpatienten. Dies betrifft speziell die Verwendung der Stents, mit denen nach dem Aufdehnen von verengten Herzkranzgefäße diese Arterien offen gehalten werden. Die modernsten dieser Gefäßstützen geben vorübergehend Zytostatika ab, welche die Häufigkeit von erneuten Verengungen von 25 auf fünf Prozent reduzieren.

Der Wiener Spezialist Univ.-Prof. Helmut Glogar (AKH): "Wir liegen in Österreich bei einer Verwendung bei 40 bis 45 Prozent der Patienten. In der Schweiz sind es 100 Prozent, in Portugal 95 Prozent, auch in den Benelux-Ländern ist diese Rate höher."

"Zwei-Klassen-Medizin droht"

Für Sabine Oberhauser, Vorsitzende der ARGE der Ärzte und Ärztinnen im ÖGB droht eine Zwei-Klassen-Medizin. "Seit Jahren weisen wir darauf hin, dass eine bestmögliche Versorgung schwerst Kranker nicht ohne frisches Geld möglich sein wird."

Wiens Gesundheitsstadträtin Renate Brauner (S) hat am Donnerstag Kritik an den Aussagen von Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat (V) geübt, wonach für Fragen der Therapie im Krankenhaus die Länder zuständig seien: "Es ist traurig, dass der zuständigen Ministerin nichts anderes einfällt, als dass sie die Zuständigkeit sofort von sich weist." Der Wiener Krankenanstaltenverband stellte fest, dass die Versorgung der Patienten mit den modernsten Mitteln gesichert sei. Die Arzneimittelaufwendungen seien in den Wiener Spitälern seit 1997 insgesamt etwa gleich geblieben.

Unterstützung für Onkologen Zielinski

"Ich kann bezüglich der Spitzenmedizin dem Onkologen (Christoph) Zielinski nur Recht geben. Im Endeffekt werden wir uns sehr überlegen müssen, ob wir die beste Medizin in unserem Land haben wollen oder nicht. Das ist keine wissenschaftliche Frage, es ist eine gesellschaftspolitische Frage. Wie weit sind wir bereit, für kleinere oder größere Fortschritte viel Geld auszugeben", sagte der Präsident der Vereinigung der pharmazeutischen Industrie (Pharmig), Hubert Dreßler, am Donnerstag gegenüber der APA.

Der Österreichische Hausärzteverband unterstützte die Onkologen. "Die Strategie einer de facto Medikamentenrationierung wird im niedergelassenen Bereich seit Jahren konsequent angewandt", hieß es in einer Aussendung.

AKH-Chef: Durchbrüche positiv sehen

"An sich sollten die Menschen solche Durchbrüche, die in der Medizin erreicht werden, als einen rein positiven Prozess betrachten und vorbehaltslos begrüßen. Für die Stadt Wien wurden dafür die notwendigen Mittel aufgebracht und sind auch aufbringbar. Es wurde Vorsorge dafür getroffen, dass die modernsten Mittel verwendet werden können", sagte schließlich der Chef des Wiener AKH, Univ.-Prof. Dr. Reinhard Krepler. Die neue Dimension der Therapiemöglichkeiten vor allem in der Onkologie wären mit den herkömmlichen Sparstrategien nicht mehr kompensierbar.

Einen radikalen Lösungsvorschlag hatte am Donnerstag FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache parat: "Diese Regierung hat weder ein Herz noch ein Hirn. Denn wie kann es sein, dass auf der einen Seite weit über zwei Milliarden Euro für den gerüchteumwobenen Kauf der Eurofighter locker gemacht werden, während auf der anderen Seite kein Geld mehr für die Behandlung von Krebspatienten da ist. (APA)